Danach kann man auch schön spazieren gehen

Biel

Fotos werden immer wichtiger. Sich ihnen zu stellen, ist besser, als blind zu erliegen. Fragen bleiben. Ein Versuch.

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Fotografien verführen uns täglich, stündlich, und sie tun es schnell. Durch Fotografie begreifen wir die Welt als vielfältig. Sie ist eine primäre Kulturtechnik geworden, wie die Schrift. Fotos lenken die Aufmerksamkeit, heben Dinge hervor, die sonst unbeachtet blieben, durch sie erst interessieren wir uns für die Fremde und fahren hin, sie verkuppelt uns auf Tinder mit irgendjemandem, sie macht auf Facebook unser Image komplett, und sie ist unser digitales visuelles Statement auf Insta­gram.

Fotografie bringt die Welt zum Leuchten und macht sie interessant. Fotografie ist cool, eine «kühle Göttin», die sagt, was wichtig ist, und dass wir selber, nebenbei, auch nicht ganz unwichtig sind. Über all das denken wir nicht gross nach. Das ist einfach so, Alltag.

Täglich breiten sich gegenvier Milliarden Fotos auf dem Planeten aus. Wären Fotos Krankheitskeime, herrschte permanent Grossalarm. Bereits 1960 schrieb der Fototheoretiker Karl Pawek, dass wir in «einer Flut von Bildern» leben. Es meinte allerdings alle Fotos insgesamt und nicht unser tägliches Bildaufkommen.

Immer wieder wird diskutiert über den kulturellen Wert von Fotos: Sind sie Kunst oder nicht, lügen sie oder können sie gar nicht lügen, sind sie eine Fotokopie oder ein gedankliches Konstrukt? Aber das Foto ist im Alltag auf jeden Fall ein reiner Gebrauchsgegenstand geworden, wie Zahnbürsten oder ein Parfüm.

Fotografien sind der Kunstschnee im Wintervergnügungspark «Human Live». Erst sie machen es überhaupt möglich, was da täglich abgeht. Sie zoomen nah ran, wir verlieben uns in sie, sie stossen uns ab. Das sind keine geringen emotionalen Spannungen, die sie schüren. Dass Bildwahrnehmung nicht immer ins Bewusstsein durchbricht, stimmt.

Oft suggerieren sie einfach Erkenntnis, weshalb sie die US-Autorin Susan Sontag auch «eine Form des Wissens, ohne zu wissen» nannte. Aber in Fotos haben wir uns einen vitalen Ausdruck unserer Wirklichkeitserfahrung geschaffen. Der eben erwähnte Karl Pawek spitzt zu, ohne Fotos wären wir nur «Gefangene unserer Gedanken».

Gehen wir nach Biel! Es ist ein heller Tag mit viel Wind, einem hohen, blauen Himmel, in dem Wolken als weisse Haufen aus steifer Sahne vorüberziehen. Wer die Fototage besucht, dem schlagen die Veranstalter einen schönen Spaziergang vor, der ihn von einem Ausstellungsort zum nächsten führt.

Ich sehe («Experimental Relationship» von Pixy Liao) ein Pärchen, das Körperpositionen ausfindig macht und fotografiert. Ich sehe («Cosmic Surgery» von Alma Hanser) eine Reihe Fotos in Plexiglasboxen mit origamiartig gefalteten Bildern vor den Gesichtern. Der «Social Printer» von Roumain Roucoule imitiert die Bilderflut.

Ich sehe Bilder einer Camera obscura und eine gespenstische Porträtserie maskierter Modelle (Untitled, Lisette Appeldorn)in sehr kraftvollen Farben. Ich sehe ein Video («The Bliss of Conformity» von Yingguang Guo), das verdeckt gefilmte Menschen in einem Park in Shanghai zeigt, wo sie Kinder kaufen oder verkaufen.

Das ist alles gedanklich spannend. Manches wirkt befremdend, aber ich nehme an, das soll es auch. Einige Arbeiten machten mir grossen Spass, auch wenn ihre Pointe sich manchmal schnell verbraucht. Der Tempel aus Bilddaten von Mathieu Merlet Briand macht Freude. Was mich aber insgesamt irritiert, ist mein ständiger Eindruck, mit der Fotografie könnte etwas nicht stimmen, als wäre sie krank, ansteckend, als wäre ihr nicht gut.

Viele Arbeiten scheinen stark von einer Idee, einem Konzept auszugehen, einem Bild-, Kunst- oder Gesellschaftskonzept. Das ist das Wichtige, erst dann kommen die Bilder. Verständlich. Aber auf den ersten Blick wirken diese Bilder oft schwebend und untergewichtig. Sie haben keinen Ort, keinen Zugang. Lese ich dann die Bildlegenden, wirken sie plötzlich gedanklich überfrachtet und etwas unglaubwürdig, oft so, als wären die Fotos Gefangene unserer Gedanken geworden.

Die Frage taucht auf, ist es wirklich das, was Fotografie ausmacht, was sie vor anderen Künsten auszeichnet, sie zur coolen Göttin gemacht hat? Ich wünschte mir eine einfache optisch überwältigende Arbeit, Reportage oder Porträtserie, egal, die ich ohne Beipackzettel und Nebenwirkungen verstanden hätte, von einem Menschen, der früh aufsteht, etwas erlebt, berichtet, zum Staunen und Freuen.

Marc Renaud kommt mit seiner Arbeit über elektrischen Strom meinem Wunsch nahe. Warum er aber Strom fotografieren wollte und nicht anschaulichere Wasserkraft, bleibt mir unklar. Der Surrealist André Breton sagte, das Auge «lebt im Urzustand». Ein alter Satz, aber das Auge ist auch heute immer hungrig.

Der Kopf hingegen ist belastet. Die Bildlegenden geben zu denken. Ein einfaches Zeigen gibt es nicht, obwohl Bildervor allem genau das tun. Nein, Fotos müssen untersuchen, hinterfragen, ergründen, als wären sie Sonden, Blutentnahmen, Satelliten.

Sie ergründen zum Beispiel «die Stellung der Emotion in unserer Gesellschaft» oder die «Möglichkeit, Kräfteverhältnisse im privaten Bereich auszutauschen». Als Ergebnis erhalte ich dann die Bilder, oft eine Erfahrung von Wissen, ohne zu wissen. Hat man das Konzept erfasst, verlieren die Werke schnell an Attraktivität.

Irgendwann habe ich meinen Spaziergang erweitert, verliess den vorgezeichneten Weg, fand mich in einem Café mit einem Park wieder, später in einem anderen, wir redeten über die Ausstellung und andere Dinge. Einmal habe ich gelesen, neue Kunst strebe gar nicht mehr nach Bedeutung, sondern nach einer gewissen Dauer.

Die Fototage sind noch bis zum2. Juni geöffnet. Biel ist eine offene Stadt, bilingual, die Fototage passen gut hierherund sind ein prima Anlass, über Fotografie nachzudenken. Eine gedankliche Auseinandersetzung wie diese hier oder eine andere ist garantiert. Fotos haben eine geheimnisvolle Kraft. Es waren einzig und allein sie, die mich hierhergeführt haben.

Bieler Fototage: bis 2.6.2019, www.bielerfototage.ch.

Berner Zeitung

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