Zum Hauptinhalt springen

Buddeln in Kosovo

Petrit Halilaj (32) untersucht mittels Video und Skulpturen kollektive Erinnerungen in seiner Heimat Kosovo. Zu sehen ist seine Arbeit im Zentrum Paul Klee.

Geäst im Zentrum Paul Klee.
Geäst im Zentrum Paul Klee.
pd / Dario Lasagni

Unter der Erde ist es dunkel, im Foyer des Zentrums Paul Klee auch. Hier findet zurzeit die Ausstellung «Shkrepëtima» (albanisch für «Funken») des aus Kosovo stammenden Künstlers Petrit Halilaj statt. Stachelige Äste umgeben eine grosse Leinwand, auf der ein Film in der Endlosschlaufe läuft.

Geäst in Kombination mit wackeligen Bildern und einer Kamera, die oft nahe über den Boden fährt – man fühlt sich an den Film «The Blairwitch-Project» (1999) erinnert. Während sich dort eine Clique von jungen Filmern ins Dickicht eines Waldes begibt, um einen Mythos um eine Hexe zu klären, sucht der 1986 in Kosovo geborene Petrit Halilaj nach archäologischen Schätzen in seiner Heimat.

Die Zweikanalvideoinstallation mit dem Titel «The City Roofs Were so Near that Even a Sleepwalking Cat Could Pass over Runik» (2017) entführt während einer knappen halben Stunde in das in Kosovo liegende Dorf Runik.

Halilaj ist dort aufgewachsen, bevor er mit seinen Eltern während des Kosovokrieges nach Albanien flüchten musste. Das Besondere an diesem Dorf: Bei Runik lag eine der bedeutendsten jungsteinzeitlichen Siedlungen Südeuropas. Unter dem Boden befinden sich gemäss der Aussage eines Dorfbewohners historische Schätze.

Nur hatte man hier weder Geld noch Infrastruktur, um die Vasen, Figurinen und Kultgegenstände zu bergen. Die bedeutendsten Funde sind heute in Belgrad, in Serbien. In Runik haben die Dorfbewohner längst ihre eigenen Mythen über die ferne Vergangenheit gesponnen.

Diesen spürt Halilaj in seinem Film nach. Ein Mann berichtet von Kristallen, die man hier gefunden habe, die wertvoller als Gold seien. Eine ältere Dame erzählt, man habe einen kleinen, aus Lehm geformten Affen ge­funden.

Sie imitiert auch gleich mit Talent zur Komik, wie dieser Affe ausgesehen haben soll. Das Wissen über die historischen Artefakte lebt hier durch mündliche Überlieferung weiter, wobei Übertreibungen Tür und Tor geöffnet sind. Zwei Schulbuben erinnern sich an ein Fischfossil, mit dem sie gespielt haben.

Junge Nation

Erzählt wird in Halilajs Film gleichzeitig auf bis zu fünf Bildschirmausschnitten. Davon kann einem ganz schön schwindelig werden. Ein Kniff aus dem «expanded cinema» der 60er- und 70er-Jahre, der es erlaubt, mehrere Perspektiven auf ein und dieselbe Geschichte einzunehmen. Runik steht im Film für Kosovo als Ganzes: für die junge Nation und ihre unsichere Vergangenheit, Identität und Zukunft.

Für seine Serie «RU (2017)» hat der Künstler Skulpturen, die archäologisch aufgezeichnet wurden, aus Kunstharz, Erde und Kupfer nachgeformt und weiterentwickelt. Die Objekte werden durch das Anbringen von Füssen und Flügeln zu Zugvögeln. Das Geäst um die Leinwand kann als Nest gedeutet werden.

Das Projekt findet in Kosovo, Italien und der Schweiz statt. ­Halilaj möchte mit seiner Arbeit Initialzünder für die kulturelle Entwicklung in seinem Land sein. Ein Theaterprojekt in Kosovo machte Anfang Juli den Auftakt.

Halilaj hat den diesjährigen Mario-Merz-Preis gewonnen, der Kunstschaffende unterstützt, die trotz widrigen Umständen ihre Arbeit konsequent verfolgen und international Bekanntheit erlangt haben. Beides trifft auf Halilaj zu. Die schönste Legende aus Kosovo wird zum Schluss des Filmes erzählt. Ein Mann erklärt: «Als Gott Adam und Eva schuf, brachen sie auf und wanderten durch die Welt. Als sie nach Runik kamen, fanden sie Menschen.»

Ausstellung: bis zum 19. 8. im Zentrum Paul Klee, Bern. www.zpk.org

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch