Braunes Erbe

Amelie von Wulffen präsentiert in der Kunsthalle Bern einen fantastischen Bilderkosmos. Anhand von Malerei und Objekten thematisiert sie die braune Vergangenheit Deutschlands und ihre eigene Kindheit.

Amelie von Wulffen, «Die Erbschaft», 2016, Öl auf Holz, 73 x 94 cm, Privatbesitz.

Amelie von Wulffen, «Die Erbschaft», 2016, Öl auf Holz, 73 x 94 cm, Privatbesitz.

Helen Lagger@FuxHelen

In einem Raum mit schmucklosen braunen Wänden sitzen Katzen, Eulen und ein Hund an einem Tisch. Sie sind keine Sympathieträger: Der eine Kauz mit seinen blutunterlaufenen Augen sieht sogar richtig böse aus. Zwei Dosen mit Tierfutter und ein paar Haufen Kot gilt es zu verteilen. «Die Erbschaft» (2016) lautet der Titel dieser bitterbösen tierischen Parabel.

Willkommen in der fabelhaften Welt der Amelie! Die Kunsthalle widmet der Künstlerin eine Einzelausstellung, die es ermöglicht, in den fantastischen Bilderkosmos von Wulffens einzutauchen. Amelie von Wulffen wurde 1966 im bayerischen Breitenbrunn geboren und lebt heute in Berlin. Die ländlich, konservativ geprägte Herkunft ebenso wie die Verbandelungen der eigenen Familie mit dem Nationalsozialismus spielen im Werk der Künstlerin eine grosse Rolle.

In einem von ihr bemalten Bauernschrank verstecken sich Grabsteine aus Terrakotta. Es ist die Nachbildung eines jüdischen Friedhofs in Berlin Weissensee, der hier offensichtlich unter Verschluss gehalten wird. Bemalt ist der Schrank auf den ersten Blick, wie es sich für ein so urchiges Stück gehört. Doch schaut man genauer hin, hat diese Bauernmalerei etwas Psychedelisches. Man erkennt entfesselt tanzende Figuren zwischen den Blumenranken.

Die Liebe zum Kreatürlichen durchzieht das ganze Werk der Künstlerin, die auch Comics zeichnet und Animationsfilme mit Knetfiguren schuf. Im Eingangsbereich der Kunsthalle Bern tummeln sich auf der Marmorverschalung kleine Figuren aus Keramik und Muscheln. Alle Kreaturen haben etwas zutiefst Menschliches.

Die in Seitenlage schlafende Biene scheint düsteren Gedanken nachzuhängen, die elegante, aus Muscheln zusammengesetzte Dame hat etwas Verschämtes. Es sind Objekte wie aus einem Souvenirshop, dessen Machern die Fantasie durchgegangen ist.

Eis am Stil

Von Wulffen zitiert aus allerlei Stilepochen und lässt dabei das Erhabene auf den Kitsch treffen. Der Manierismus, eine Stilrichtung zwischen Renaissance und Barock, lässt grüssen. Groteske Ornamentik, falsche Proportionen, Metaphern und mythologische Anspielungen nahmen in diesem zwischen 1520 und 1600 angesiedelten Zeitraum mit Künstlern wie Giuseppe Arcimboldo den Surrealismus vorweg.

Auch in von Wulffens plastischen Schaffen kommt zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehört. In «The unjudged Bimpfi» (2016) hat die Künstlerin einen Beichtstuhl, ein Bett und ein Klavier zu einem Objekt verschmolzen und bemalt. Da wird offensichtlich der Katholizismus exorziert. Über dem Bett hängt die Verführung in Form einer kunterbunten Auswahl an Eis am Stil, wie sie jedes Kind von den Kiosken der Freibäder kennt.

Das Klavier scheint ausgedient zu haben. Das bürgerliche Ideal, dass Kinder ein Instrument spielen können müssen, ist auch Thema in einem Gemälde. In einer brauntonigen Kammer spielen drei Kinder Querflöte, Geige und Klavier, während die Mutter in einer Tracht am Fenster steht. Das kleine Mädchen am Klavier wirkt abwesend. Es ist in seiner eigenen Welt. Ein Selbstporträt der Künstlerin?

Ausstellung: Bis 14.7., Kunsthalle Bern. www.kunsthalle-bern.ch

Berner Zeitung

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