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Betender Hitler im Ghetto

Mit einer Skulptur provoziert der italienische Künstler Maurizio Cattelan zurzeit die Polen. Ein kniender, betender Hitler im Warschauer Ghetto – sinnloser Affront oder erzieherischer Denkanstoss? Die jüdische Gemeinde ist ob dieser Frage gespalten.

Lockt viele Besucher an: Die Hitler-Statue im Warschauer Ghetto. (29. Dezember 2012)
Lockt viele Besucher an: Die Hitler-Statue im Warschauer Ghetto. (29. Dezember 2012)
Keystone

In Polen tobt eine Kontroverse um eine Installation von Maurizio Cattelan: Im Warschauer Ghetto wurde eine Statue des italienischen Künstlers aufgestellt, die Hitler kniend im Gebet zeigt.

«Lui» (Er) heisst die 1,10 Meter hohe Skulptur des bieder in grauen Anzug gehüllten Mannes mit Hitler-Bart und gefalteten Händen, die bereits Scharen von Besuchern ins Ghetto gelockt hat.

Wegen der kleinen Dimension der Statue kann Hitlers Figur mit jener eines kleinen Kindes verwechselt werden. «Die Installation will hervorheben, dass jeder Kriminelle einst ein unschuldiges und schutzloses Kind war», erklärte Fabio Cavallucci, Direktor des Zentrums für zeitgenössische Kunst, das die Statue installiert hat.

Cavallucci versicherte, dass Cattelan keineswegs die jüdische Gemeinschaft provozieren wolle: «Es handelt sich um ein Werk, das vom Bösen spricht, das sich überall verbergen kann.» Das Simon-Wiesenthal-Center in Jerusalem kritisierte indes die Installation als «sinnlose Provokation», welche die jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Regimes beleidige. «Das einzige Gebet Hitlers war, alle Juden weltweit vernichten zu können», kritisierte der Direktor des Zentrums, Efraim Zuroff.

Retrospektive zu Gegensätzen

Anders äusserte sich Polens Oberrabbiner Michael Schudrich. Seiner Ansicht nach habe die Installation einen erzieherischen Wert. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst habe ihn vor der Installation kontaktiert, und er habe keine Einwände erhoben: «Der Künstler will moralische Fragen aufwerfen, indem er die Zuschauer provoziert.»

Die Installation ist Teil einer Retrospektive von Cattelan, die unter dem Titel «Amen» gezeigt wird. Thema ist die Polarität zwischen Leben und Tod, Gut und Böse. Die anderen Werke der Retrospektive befinden sich im Zentrum für die zeitgenössische Kunst mit Sitz im Schloss Ujazdowski.

Der 51-jährige Cattelan ist für seine provozierenden Werke bekannt. Für Entrüstung sorgten 2004 drei lebensgrosse Figuren gehenkter Kinder, die drei Tage lang an einem Baum auf einem Mailänder Platz baumelten. Im vergangenen Jahr positionierte der Starkünstler aus Padua einen riesigen Mittelfinger vor der Mailänder Börse.

SDA/rbi

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