In Paul Klees Sitzbibliothek

Kunst Lesen mit Klee: In den Bildern von Paul Klee steckt eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Literatur. Das zeigt die Ausstellung, die heute im Zentrum Paul Klee eröffnet wird.

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Er schöpfte aus Büchern und verdichtete seine Bilder mit lyrischen Titeln. «Hätte Lust», «Raubfisch und Gemüseboot», «Tedy müsste mal»: Paul Klee (1879–1940) war nicht nur mit Talent, Schaffensdrang und Humor gesegnet, er war Poet und ­Intellektueller. Das beleuchtet «Sollte alles denn gewusst sein? Paul Klee. Dichter und Denker», die Ausstellung, die heute im Zentrum Paul Klee eröffnet wird.

«Sein Werk wäre ohne die Sprache um eine wichtige Dimension ärmer», sagt Michael Baumgartner. Er spricht von einem «elementaren Verhältnis». «Kaum ein anderer Künstler hatte einen so starken Bezug zur Literatur.» Der Kurator sitzt in der Leseecke der Ausstellung. Lese­ecke? Genau: Herzstück der Ausstellung ist eine Lounge mit Möbeln des Berner Designers Beat Frank. Dort wartet Lesestoff zur Vertiefung (siehe Kasten).

«Faust» in Litho-Kreide

Goethe, Aristoteles und die französischen Philosophen gehörten zu den wichtigen Quellen des Berner Künstlers. Besonders intensiv war die Beschäftigung mit Goethe. Das macht sich etwa in Litho-Kreidezeichnungen bemerkbar, die Klee als «Faust»-Illustrationen gedacht hat. Zum deutschen Dichterfürsten hielt er fest: «Überhaupt ist Goethe der einzige erträgliche Deutsche (so deutsch möchte ich vielleicht selber ganz gern sein.)» Klee galt in Nazideutschland als «entarteter Künstler» und kehrte deshalb 1933 nach Bern zurück.

Klee war auch das Schreiben wichtig, er schrieb ausgiebig. Müsterchen aus seinen Tagebüchern sind in der thematisch gegliederten Ausstellung zu lesen. «Mancher wird nicht die Wahrheit meines Spiegels erkennen. (...) Ich spiegle bis ins Herz hinein», steht im Teil, der Klees Selbstporträts gewidmet ist. Auf den Bildern sieht sich der Künstler als Forschender, Denker, Gelehrter.

Klees Vorliebe für Augen

«Ich bin ganz Auge» heisst eine weitere Station. Sie nimmt Klees Vorliebe für die Darstellung von Augen auf und zeigt, dass diese nicht von ungefähr kommt. «Sämtliche Wege treffen sich im Auge und führen, von ihrem Treffpunkt aus in Form umgesetzt, zur Synthese von äusserem Sehen und innerem Schauen», schrieb Klee 1923 in «Wege des Naturstudiums».

Bisweilen mutet Klees Wahrnehmung der Dinge esoterisch an. Er hatte die Vorstellung von der Existenz in einem geschlossenen System, aus dem er seine bildnerische Gestaltungslehre ableitete. «Kosmisch-romantisch» nennt Kurator Michael Baumgartner diesen Blick auf die Welt.

Bei aller spielerischer Ironie, die in Klees Bildern immer wieder auftaucht: Er war der Naturwissenschaft im Allgemeinen und der Mathematik im Speziellen keineswegs abgeneigt. In Werken wie dem «Vorhaben» aus Klees später Phase stecken durchaus Formstrenge und formelhafte Symbolik. «Schrift und Bild, d. h. schreiben und bilden sind wurzelhaft eins», lautete eine Gleichung Klees.

Denker Klee in drei Teilen

Weil viele lichtempfindliche Zeichnungen ausgestellt sind, die nicht zu lange hängen dürfen, wandelt sich das ausgestellte Material im Laufe dieses Jahres. Deshalb ist die Schau in drei Teilen konzipiert. Im nächsten wird der Fokus auf der Philosophie liegen. Gibt der Dichter und Denker Klee tatsächlich so viel her für eine dreiteilige Schau? «Wir haben sicher genug Stoff für viele weitere Themen», lässt Kurator Baumgartner aus der Sitzbibliothek verlauten.

Ausstellung: «Sollte alles denn gewusst sein? Paul Klee. Dichter und Denker», Eröffnung heute Donnerstag, 18 Uhr. Bis 26. 11., Zentrum Paul Klee, Bern. www.zpk.org (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.01.2017, 09:53 Uhr

Leselounge im Berner Design

Der Rundgang durch das Schaffen von Klee als Dichter und Denker ist eine runde Sache. Doch der grösste Auftritt gilt nicht formelhaften Gemälden und gezeichneter Philosophie. Herzstück der Ausstellung ist die Leselounge mit Möbeln des Berner Designers Beat Frank.

Eher zufällig stiess Kurator Michael Baumgartner auf Franks Sitzbibliothek und wusste: «Die brauchen wir in der Ausstellung!» Die grosszügige, fast schon wohnliche Leseecke lädt zum Schmökern ein – per iPad. Auf den Tablets lässt sich nachlesen, zu welchen Dichtern Klee welchen Bezug hatte und wie er sich inspirieren liess.

Das Seekiefermöbel ist ein typisches Stück von Beat Frank, der gerne funktionale Dinge des Alltags überdenkt. «Hier sitzt man inmitten seiner 50 liebsten Bücher», sagt Frank über das bequeme Möbel von gradliniger und doch verspielter Erscheinung – irgendwie passend zu Klee. Es ist Sessel und frei stehende Bibliothek in einem. «Bücher gehören nicht unbedingt an die Wand», findet Frank.

Zu den zwei Sitzbibliotheken gesellen sich Hocker und – als weiterer Hingucker – zwei Tischchen namens «tiefer Tisch», in dem sich allerlei Bücher und Magazine verstauen lassen. Erstmals zeigt die neue Ausstellung den Büchernachlass von Paul Klee im von allen Seiten einsehbaren «Bücherturm», ebenfalls frei stehend und konzipiert von Beat Frank.

Der 67-jährige Designer formt nicht nur Möbel, sondern auch Studierende. An der Hochschule der Künste Bern unterrichtet er Zeichnen und Bildsprache. (mfe)

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