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Rhythmisches Schlussfeuerwerk der Schlosskonzerte

Die Schottin Evelyn Glennie wird als die beste Perkussionistin der Welt gefeiert. Heute Samstag spielt sie am Jubiläumskonzert der Schlosskonzerte mit dem Berner Bridge Chamber Orchestra im KKThun.

Die Schottin Evelyn Glennie stellt heute Abend im KKThun ihr grosses Können unter Beweis.
Die Schottin Evelyn Glennie stellt heute Abend im KKThun ihr grosses Können unter Beweis.
zvg

Eine geniale Besessenheit ist der Perkussionistin Evelyn Glennie sicherlich zuzuschreiben. Schon allein die Tatsache, dass ihre Sammlung mehr als tausend Schlaginstrumente aus aller Welt aufweist, stimmt ehrfürchtig. Die Musikerin wurde 1965 nahe dem schottischen Aberdeen geboren. Zusammen mit zwei Brüdern wuchs sie auf einer Farm auf. Mit 12 Jahren begann sie Snare-Drum (kleine Marschtrommel) zu spielen, und schnell stand ihr Berufstraum fest: Sie wollte ­Musikerin werden.

Vermutlich eine verschleppte Entzündung raubte ihr fast den Gehörsinn, doch das hielt das junge Mädchen nicht davon ab, weiter an ihrem Traum festzuhalten. Im ersten Zeitungsartikel, der über sie erschien, wurde sie als taubes Ausnahmetalent gefeiert, was ihre Hartnäckigkeit bestätigte. Was ihr aber gar nicht gefiel: nur wegen ihrer Beeinträchtigung gefeiert zu werden. Sie spürte die Töne ihrer Trommeln sicher. Aber sonst kämpfte sie noch um ihre alte Art des Hörens, zwang sich, Sinn in Geräuschen zu finden, die nur Überreste früherer Stärke waren.

Je verbissener sie zu hören versuchte, desto mutloser wurde sie. Wenn sie niedergeschmettert war, floh sie in die Sphäre ihrer eigenen Wahrnehmung. In ihrem Tagebuch schrieb sie: «Fühle einen anderen Weg, Musik zu hören.» Sie war inzwischen so gut, dass sie mit dem schottischen Jugendorchester spielte. Eines Tages, am Ende der Schulzeit, legte sie ihre Hörgeräte endgültig ab.

«Nur wenige Menschenschenken ihrem Gehör Beachtung»

Vor jedem Konzert läuft Glennie den Auftrittsort ab, denn sie spürt der Akustik in jedem Saal nach. Mal empfindet sie in Betonhallen scharfe und satte Schwingungen, ein Zirkuszelt klingt knochentrocken, in Hochhäusern schlucke der Himmel den Schall, Fabrikhallen hingegen lassen ihn auslaufen wie eine Welle. Mit 24 Jahren, nur vier Jahre nachdem sie die Royal Academy of Music mit Auszeichnung ver­lassen hatte, gewann sie einen Grammy mit Béla Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, einer unerhört genialen Darbietung.

«Wie hören Sie nur, was Sie spielen?», wird sie von der schreibenden Zunft auf der ganzen Welt gefragt. Früher setzte sie Presseleute, die ihr damit auf die Nerven gingen, vor die Tür. Jetzt pariert sie mit der Gegenfrage: «Wie hören Sie denn?» und erntet Schweigen. Evelyn Glennie erklärt: «Nur wenige Menschen, deren Gehör gesund ist, schenken ihm Beachtung.» Sie rät jedem Hörenden, bei Sturm an den Strand zu gehen: «Hören wir das Donnern der Brandung nur, oder spüren wir es auch?», gibt sie zu bedenken.

Will nicht auf Behinderungreduziert werden

Seit ein paar Jahren spielt die schottische «First Lady of solo percussion», die von der Queen zur «Dame» geadelt wurde, auch den grossen Highland-Dudelsack, um das Instrument einem grossen Publikum nahezubringen. Ihre internationalen Konzertengagements führen sie jährlich in mehr als zwanzig Länder auf allen Kon­tinenten. Evelyn Glennie hat erlebt, dass ihre Behinderung gute Schlagzeilen liefert. Doch sie will, dass den Konzertbesucher das Bild, das der Komponist szenisch beschreibt und das sie als Musikerin fürs Publikum malt, erfreut und unterhält.

Sie will nicht, dass sich der Zuhörer oder die Zu­hörerin nach dem Konzert einzig und allein darüber wundert, wie und warum eine taube Musikerin Schlagzeug spielen kann, denn dann habe sie als Musikerin versagt, betont sie. Ihr Ziel ist die Kommunikation: «Eigentlich bin ich ein ‹sound creator›, eine Tonschöpferin – jemand, der nicht bloss Perkussionsinstrumente spielt, sondern in erster Linie eine Musikerin ist, die Grenzen durchbricht.»

Vor der Pause beim heutigen Konzert im KKThun (siehe Hinweis am Textende) findet ein öffentliches Gespräch zwischen Evelyn Glennie, dem Leiter des Bridge Chamber Orchestra, David McVeigh, sowie Lorenz Hasler statt.

Das Programm der Orchestergala von heute Abend um 19.30 Uhr im KKThun: Béla Bartók (1881–1945): Rumänische Volkstänze (1915).Antonio Vivaldi (1678–1741): Piccolo-Concerto in C-Dur, arr. für Vibrafon und Streichorchester. Takayoshi Yoshioka (* 1955): Rhapsodie für Marimba, Flöte, Klarinette, Kontrabass und Schlagzeug. Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): Sinfonie Nr. 41 C-Dur KV 551.

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