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Pirates of Selzach

Zum 30-Jahr-Jubi­läum sorgt die Sommeroper Selzach mit Richard Wagners «Der fliegende Holländer» für szenische Höhepunkte. Die gesangliche Leistung hält hier nicht Schritt.

Geisterhaft mutet das Bühnenbild des «fliegenden Holländers» an: In der Sommeroper Selzach sucht die verfluchte Titelfigur aus Wagners Oper eine liebende Frau.
Geisterhaft mutet das Bühnenbild des «fliegenden Holländers» an: In der Sommeroper Selzach sucht die verfluchte Titelfigur aus Wagners Oper eine liebende Frau.
Konstantin Nazlamov

Im Passionsspielhaus haben die Ventilatoren an der Decke Dauereinsatz, im Publikum hört man das Klappern von Handfächern. Es herrschen 30 Grad, Luft muss herbeigefächert werden. Zu den ersten Takten von Richard Wagners «Der fliegende Holländer», 1843 in Dresden uraufgeführt, richten sich die Blicke der Gäste sehnsüchtig auf den Videoscreen, der eine kühle See suggeriert, die bald in ein wogendes Meer übergeht.

Klug und stimmig

Es dauert beim rund 140-minütigen Dreiakter nicht lange, bis der Holländer mit seinem Geisterschiff die Bühne entert und dabei fast Schiffbruch erleidet. Ein Mast verheddert sich im Schnürboden, aber da hat einen Wagners Wucht bereits voll im Griff, und die Helfer hinter dem Geschehen sorgen flugs für Klarschiff. Der Auftritt ist gespenstisch, und der bleiche Wiedergänger erinnert an Jack Sparrow aus der Kinoreihe «Fluch der Karibik».

Doch die Mär eines verdammten Seefahrers, der Wind und Wellen verflucht und deshalb ewig übers Wasser schippern muss, spielt nicht in der Karibik, sondern in Norwegen. Hier hat der Holländer alle sieben Jahre Zeit, sich ein Weib zu suchen, das ihm treu ergeben ist und ihn dadurch von seinem Fluch befreit. In diesem Fall heisst sie Senta und ist die Tochter des Schiffers Daland.

Dieter Kaegi, Intendant von Theater Orchester Biel-Solothurn, liefert eine kluge Regie, die Ausstattung von Oskar Fluri und das Licht von Sigi Salke sind stimmig. Opernfreunden ist Kaegis Inszenierung von 2011 am Stadttheater Bern in bester Erinnerung. Der gebürtige Zürcher beweist auch mit seinem neuen Holländer für Selzach Fingerspitzengefühl. Kaegi nutzt die Gegebenheiten des hölzernen Passionsspielhauses, das den Grundriss eines Kreuzes hat, geschickt aus und baut vorhandene Elemente ins dramatisch-romantische Geschehen mit ein.

Die Bilder, die der Regisseur laufen lehrt, haben filmischen Charakter. Das liegt nicht nur an den subtil eingesetzten Videoeinblendungen einer schäumenden See oder sternenklaren Nacht, sondern auch an der agilen Personenführung. Kaegis Figurenzeichnungen sind plausibel und authentisch.

Die Zuschauer beobachten, wie ein Matrose von der Brücke aus sein Mädel herbeisehnt, oder sie werden in der Spinnerei in eine Zeitepoche versetzt, in der Hitler in Europa wütete und dem Antisemiten Wagner eine führende Rolle zuwies. Schummrig und verrucht zugleich ist die Bar im Fischersdorf, wo die Bewohner unter Gläserklirren ein heiteres Trinklied anstimmen. Mit einem Augenzwinkern wiederholt hier Dieter Kaegi die Szene mit dem Steuermann aus seiner Berner Lesart.

Fliessend und schlingernd

In ihrer 30-jährigen Geschichte mit insgesamt 14 Produktionen beweisen die Macher in Selzach eindrücklich, dass sie auch die grosse Opernkiste stemmen können – und das weit besser als manche Konkurrenz mit satter Subvention. Gerade deshalb ist es bedauerlich, dass die Sängerleistung dieser Produktion durchzogen ist. Auch das Orchester unter der Leitung von Constantin Trinks gewinnt erst mit der Zeit an Tempo und setzt die Noten mit den erforderlichen «Knoten» um, damit der Bombast dieser Klabautermannkomposition richtig in die Knochen fahren kann.

Stimmlich getragen wird der Selzacher Holländer von Jordan Shanahan in der Titelpartie, der schon in Bern bewies, dass er Wagner-tauglich ist. Sein warm schimmernder Bariton betört mit einer klaren Linienführung und einer fliessenden Dynamik, die auch in den Gesangsbögen glänzt. Bei Pavel Daniluk als Daland scheint meist nur Tiefe vorhanden, seine Phrasierungen und Höhen sind kurzatmig.

Alexan­dra Lubchansky legt als Senta einen guten Start hin und lässt ein zartes Timbre in ihrem Sopran erkennen. Im Forte schrammt die Sängerin manchmal die Töne wie ein Schiffsbug ein Riff. Einen knödelnden Schlingerkurs fährt Tenor Ladislav Elgr als Sentas Verehrer Erik, und dieses Flattern findet selten einen sicheren Hafen. Dafür lässt Astrid-Frédérique Pfarrer als Mary mit ihrem funkelnden Mezzosopran aufhorchen. Richtig Spass macht der Chor der Sommeroper unter der Leitung von Valentin Vassilev, der das Ensemble aus Profis und Laien zur Hochform auflaufen lässt.

Aufführungen: bis 21. August, ­Sommeroper Selzach.

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