Klassiker der Woche: Quartett für Winterjacken

Klassiker der Woche

Bevor Sie Ihre Ski-Kleidung in den Keller hängen: Hören Sie mal, was man damit sonst noch so anfangen kann.

Reissverschluss hoch und dann auf dem Ärmel raspeln: Das Schlagquartett Köln spielt Carola Bauckholts «Hirn & Ei» (2010/11).

Susanne Kübler@tagesanzeiger

«Hirn & Ei» heisst dieses Werk von Carola Bauckholt – warum auch immer. Aber sicher nicht nur, um einen Gag zu platzieren: Humor sei in ihren Stücken nie absichtlich, sagt die 1959 geborene deutsche Komponistin; sie wundere sich nur.

Das aber tut sie so, dass sich das Publikum bestens amüsiert. Man hört Gelächter im Saal, während die vier Herren vom Schlagquartett Köln hingebungsvoll und höchst präzis ihre Skijacken bearbeiten: Da wird gerieben und geraspelt, geklöpfelt und getätschelt, der Reissverschluss ratscht und fiept – nein, so viele verschiedene Geräusche hätte man einer simplen Jacke nicht zugetraut. Und wenn man mal eine Weile zugehört hat, klingt das durchaus nicht mehr nur witzig und schräg, sondern auch ziemlich raffiniert.

Carola Bauckholt hatte schon immer ein Flair dafür, den Dingen ungewohnte Klänge zu entlocken. Oft arbeitet sie mit Alltagsgegenständen, manchmal werden die Geräuschquellen eigens (um-)gebaut; wenn sie doch einmal traditionelle Instrumente verwendet, dann tönen sie meist alles andere als traditionell. Und beim Stück «Instinkt» für fünf Sänger hat sie das Geheul von Schlittenhunden verarbeitet: «Das wirkte komisch, aber das liegt vor allem an der Konzertsituation, die an sich surreal ist.»

Lehrmeister Kagel

Ihr Handwerk hat Bauckholt bei Mauricio Kagel gelernt, beim Meister des skurrilen Instrumental-Theaters und der originellen Werktitel. In seiner Begeisterung für Musikfilme hat er ihr einst vorgeschlagen, Cutterin zu werden; aber sie entschied sich dann doch für den Beruf der Komponistin – und ist eine von jenen, die schon seit Jahren von ihren Werken leben können.

Es sind höchst präzis notierte Kompositionen, nichts ist da dem Zufall überlassen (wer weiss, vielleicht ist sogar der verklemmte Reissverschluss bei 3'25" einkomponiert). Und unter der spielerischen Oberfläche geht es durchaus um musikalische, ja existenzielle Grundfragen: um die Wahrnehmung, darum, die Dinge wieder einmal anders zu betrachten und zu hören. Sie wolle möglichst viele Fenster öffnen, sagt Carola Bauckholt – in Klangwelten, die sie in jedem Werk wieder neu erforscht.

Skijacken wird sie also voraussichtlich nach «Hirn & Ei» nicht mehr verwenden: Die haben hier tatsächlich alles hergegeben, was an Klängen in ihnen steckt.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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