Klassiker der Woche: Boing! Arrrrgh! Smack!

Cathy Berberian war nicht nur eine phänomenale Sängerin – in «Stripsody» hat sie sich auch als Comic-affine Komponistin verewigt.

Hat da jemand gelacht? Cathy Berberian in Aktion. (Video: Youtube)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Am Tag nach ihrem Tod am 6. März 1983 hätte Cathy Berberian im italienischen Fernsehen an einer Sendung über Karl Marx teilnehmen sollen. Sie hatte im Sinn, die «Internationale» im Marilyn-Monroe-Stil zu singen, und zweifellos, es wäre hinreissend gewesen.

Immerhin, vieles andere, was ebenfalls hinreissend war, hat die Amerikanerin mit armenischen Wurzeln tatsächlich realisieren können in den kurzen 57 Jahren ihres Lebens. Zum Beispiel hat sie viel dazu beigetragen, dass die zeitgenössische Musik der 1960er- und 1970er-Jahre nicht nur klug klang, sondern auch lustig, schräg, frech – oder hemmungslos sentimental. Sie tat es vor allem zusammen mit Luciano Berio, den sie als Studienkollegen am Mailänder Konservatorium kennen gelernt hatte. Während ihrer Ehe und auch danach schrieb er zahlreiche Werke für sie: In den herzerwärmenden «Folk Songs» liess er Berberian zu ihren musikalischen Wurzeln zurückkehren, in «Visage» hat er ihre Improvisationen elektroakustisch bearbeitet, in der «Sequenza III» konnte sie zeigen, was sie mit ihrer Stimme so alles anfangen konnte.

Es war viel. Sagenhafte dreieinhalb Oktaven betrug ihr Stimmumfang, und klanglich lag von virtuosen Koloraturen bis zu allerlei Geräuschen alles drin. Sie sang barocke Bearbeitungen von Beatles-Songs und Monteverdi (unter Nikolaus Harnoncourt), sie liebte Folksongs auch im Original und hat im Unterschied zu den meisten anderen Sängerinnen ihre Stimme nie geschont, sondern lustvoll und hemmungslos damit experimentiert. Damit hat sie nicht nur Berio, sondern eine ganze Generation von Komponisten inspiriert: Igor Strawinsky und John Cage, Darius Milhaud und Bruno Maderna haben (neben vielen anderen) für sie komponiert.

Witz und Virtuosität

Auch Berberian selbst hat für sich komponiert, wobei sie sich nie als Komponistin verstanden hat, sondern als «inventor of clever gimmicks», wie sie es einmal formuliert hat. Ihr erstes und bekanntestes Gimmick ist «Stripsody» von 1966, eine Partitur, die fast ausschliesslich aus Sprechblasen und kleinen Zeichnungen besteht – die Cathy Berberian mit der ihr eigenen Mischung aus Witz und Virtuosität aufführt.

Ein Tarzanschrei, ein Niesen; später Gebell, Dialogfetzen, ein herzhafter Schmatz, zuletzt eine erschlagene Fliege: Eine eigentliche Geschichte erzählt dieses Stück nicht, und wer den Schmelz von Berberians Stimme liebt, kommt hier kaum auf seine Kosten (dafür muss man sich eher den «Azerbaijan Love Song» aus Berios «Folk Songs» anhören).

Aber kurioser haben Comic und Musik selten zusammengefunden. Und es war zweifellos kein Zufall, dass gerade Cathy Berberian dieses Experiment gewagt hat: Sie liebte Cartoons, zusammen mit Umberto Eco hat sie einst jene von Jules Feiffer ins Italienische übertragen. Sie war nun mal weit mehr als eine Sängerin: ein kulturelles Epizentrum, das nicht nur die Bühne zum Beben brachte.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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