Heinz Holligers Nahrung für die Seele

Am heutigen Dienstag wird Komponist, Oboist und Dirigent Heinz Holliger achtzig. Das Alter ist für ihn keine Kategorie. Kein Wunder, bei so einem wachen Geist.

Heinz Holliger im Element, gezeichnet von Karin Widmer.

Heinz Holliger im Element, gezeichnet von Karin Widmer.

Michael Feller@mikefelloni

Heinz Holliger an den Tisch zu kriegen, ist nicht ganz einfach, er ist viel unterwegs. Nach einer Probe an der Hochschule der Künste hat er Zeit. Mit einer Masterstudentin hat er gerade seine «Romancendres» geübt, für das Abschlusskonzert der angehenden Cellistin.

Danach gibt er bereitwillig Auskunft. Ein Treffen mit Heinz Holliger ist ein Erlebnis. Da sitzt ein Gegenüber, das seine Passion mit jeder Faser des Körpers lebt und sie mit eleganter Klarheit in so treffenden Sätzen zur Sprache bringt, dass man hin und weg ist. Die Musik ist sein Leben. Was für alle anderen eine selbstverliebte Hohlphrase ist: Er ist dieser Satz.

Der Musiker – Komponist, Oboist und Dirigent, je von Weltruf – wird heute achtzig. Über seinen runden Geburtstag will er nicht sprechen. «Mein Alter interessiert mich nicht», sagt er. Die Zahl sage nichts aus. «Manche sind mit zwanzig alt, andere blühen erst mit sechzig auf.» Holliger wirkt alterslos. Weise zwar und mit einem verblüffenden lexikalischen Wissen, aber dann wieder staunend und mit Schalk wie ein Junge.

«Es reicht aus, offene Ohren und keine Vorurteile zu haben.»Heinz Holliger

Als Teenager entdeckte er die Oboe, als das Orchester des Städtebundtheaters in seinem Geburtsort Langenthal zu Gast war. «Die Oboe war wie ein Ersatz für die Sopranstimme nach meinem Stimmbruch», sagt er, der davor als Knabensopran gesungen hatte. Weil es in Langenthal keinen Oboenlehrer gab, spielte er zuerst ein Jahr lang Klarinette, bevor er in Bern Oboenunterricht erhielt.

Er war angefressen, sein Talent verbarg sich nicht. Nur gab es so wenig Musik für die Oboe. Also schrieb er als 15-Jähriger dem Basler Mäzen und Dirigenten Paul Sacher einen Brief mit der Bitte, Sacher möge doch Kompositionsaufträge vergeben, damit es künftig mehr Stücke für sein Instrument gebe.

«Ich wollte die ­Situation nicht akzeptieren, da hatte ich keine grossen Hemmungen», sagt er. 5 Jahre später spielte Holliger in Sachers Basler Kammerorchester – und dann kam der Mäzen der Bitte des Oboisten nach. Auch wegen Sacher wuchs das Oboenrepertoire stark an. Und Holliger wurde zu einem der weltweit Besten seines Fachs.

Der wichtigste Mensch

Auch wenn es Holliger ein Graus ist, dass sich der Musikmarkt nach Jubiläen und Jahreszahlen richte, steht er Anfang Juni vor dem Berner Symphonieorchester am Pult und dirigiert seine eigenen Geburtstagskonzerte. Das Programm, das er selbst zusammenstellen durfte, spiegelt wichtige Ereignisse in seinem Leben.

Er dirigiert ein Violinkonzert von Sándor Veress (1907–1992), der in Bern sein Kompositionslehrer war, «der grösste Musiker, der je in Bern gelebt hat», wie Holliger sagt. «Für mich ist er der wichtigste Mensch in meinem Leben. Mindestens, was die Musik betrifft. Alles, was ich kann, habe ich von ihm gelernt. Die Kompositionen haben durch ihn immer Sinn ergeben, die Form, das Gleichgewicht, die Polyfonie, die Klangrede.»

«Ich bin etwas pingelig. Eine Notenschrift muss klingen, sie darf kein Geschmier sein.»Heinz Holliger

Zum Auftakt des Abends dirigiert Holliger seine «Tonscherben» von 1985. Er bezeichnet sie als «Miniaturen, die zu grossen symphonischen Werken gehören könnten». Wie Scherben, die den Archäologen bei der Ausgrabung erahnen lassen, wie der ganze Tontopf ausgesehen hat.

Holliger hat das Stück im Gedenken an den befreundeten israelischen Dichter David Rokeah geschrieben, dessen Gedichte er zu übersetzen half. Noch eine Woche vor Rokeahs Tod war er mit ihm aufgetreten. Als Rokeah starb, war Holliger auf dem Bea­tenberg, abgeschottet von allen Nachrichten, und schrieb an einem Trauermarsch.

Vom Tode seines Freundes erfuhr er tags darauf aus der Zeitung. «Diese Gleichzeitigkeit war schon etwas unheimlich», sagt er. Wie ist es denn heute, das Werk zu dirigieren? «Ich versuche Distanz zu halten. Nicht dass ich von Erinnerungen überschwemmt werde.»

Der bessere Kick

Wenn Holliger komponiert, dann auf einem leeren Tisch, mit «Bleistift, Radiergummi und Lineal», wie er sagt. «Ich bin etwas pingelig. Eine Notenschrift muss klingen, sie darf kein Geschmier sein.» Und wie so oft im Gespräch, verweist er auf Musikerbiografien. Er scheint nicht nur die Entstehungszeit sämtlicher Werke der europäischen Musikgeschichte im Kopf zu haben, er kennt auch allerlei Querverbindungen zwischen Künstlern. Und Anekdoten.

«Wenn Debussy den kleinsten Fleck auf dem Papier hatte, schrieb er die ganze Seite noch einmal ab.» So extrem sind Sie aber wohl nicht, Herr Holliger? Da lacht er wie einer, der sich mit seinen Marotten versöhnt hat, und sagt: «Nicht ganz, aber ich bin schon einigermassen nah dran.»

Holligers Akribie ist legendär, auch in seinen perfektionistischen Kompositionen. Viele seiner Stücke sind komplex und schwierig zu spielen. Doch das Niveau der Musiker sei gestiegen, besonders bei den Bläsern. «Die neue Musik ist auch viel präsenter geworden in der Ausbildung.

Heute werden bei Aufnahmeprüfungen Stücke gespielt, die früher als total extrem und unspielbar galten.» Beim Klassikpublikum hingegen hat die neue Musik einen schweren Stand. Wenn neue Werke programmiert sind, dann oft in Kombination mit einer bekannten Sinfonie von Mozart oder Beethoven. Warum ist das so?

«Weil wir die Ohren nicht mehr zum Überleben brauchen», sagt Holliger. Das Optische habe einen so grossen Einfluss erlangt, dass man sich nicht mehr auf sein Gehör verlasse. Doch das Gehör sei etwas Wunderbares, immer zu neuen Entdeckungen bereit. Man brauche auch keine musikalische Bildung, um Musik zu verstehen. «Es reicht aus, offene Ohren und keine Vorurteile zu haben.»

Wenig Verständnis hat er allerdings für heutige Popmusik, während er einen Jimmy Hendrix oder einen Miles Davis sehr schätze. «Am meisten stört mich, dass vieles in der industriell hergestellten Musik völlig unsinnlich und unkörperlich ist.» Er kann nicht verstehen, wie junge Leute darüber in Ekstase geraten können. «Wenn sie, statt ins Popkonzert zu gehen, den ‹Sacre du printemps› hören würden: Sie hätten unendlich mehr Kick!», ist er überzeugt.

Holliger hat 39 Jahre lang an der Freiburger Hochschule für Musik unterrichtet. Ja, was hat er denn eigentlich nicht gemacht? Er war Oboensolist, Lehrer, Pianist, Komponist, Dirigent. «Für mich ist völlig normal, dass ich alles mache. Ich kann die Dinge auch nicht voneinander trennen. Ich bin einfach Musiker.» Generalmusikdirektor war er nie. «Das wäre nichts für mich gewesen, die Organisation ist nicht meine Stärke.» Lieber war er bei diversen Orchestern ständiger Gast. «Da kann man tun, was man will. Und das ist das Wichtigste!»

«Das Alter» gibt es nicht für Holliger. «Ich mache weiterhin alles, so gut ich kann. Das macht man in verschiedenen Stadien des Lebens», sagt er. Er baut auf die gesammelte Erfahrung auf. «Alles, was man erlebt hat, ist eine seelische Reservenahrung.» Noch so ein Satz. Nochmals Nahrung für die Seele.

Heinz Holliger zum 80. Geburtstag: 13. Sinfoniekonzert des Berner Symphonieorchesters, 1. und 2. Juni, Kursaal, Bern. www.konzerttheaterbern.ch

«Ich bin etwas pingelig. Eine Notenschrift muss klingen, sie darf kein Geschmier sein.»

Heinz Holliger

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