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Ein Meister der radikalen Klänge

Am Dienstag erhält der Komponist und Münsterorganist Daniel Glaus für sein Gesamtwerk den mit 20'000 Franken dotierten Musikpreis des Kantons Bern. Ein kleiner Blick in den grossen Kosmos des umtriebigen Klangschöpfers.

«Ich habe keinen festen Ort, um zu komponieren. Manchmal arbeite ich zu Hause, manchmal bin ich hier, da kann ich mich ein wenig zurückziehen. Oder ich gehe für eine Woche in die Berge.» Daniel Glaus sitzt in seinem Arbeitszimmer an der Herrengasse unweit des Münsters, mit Blick auf Aare und Alpen. Auf dem Pult liegen philosophische Schriften, ein Gedichtband, daneben sein «Skizzenbuch» und die Partitur seines neusten Werks: «Sola quae cantat audit et cui cantatur», heisst das Oratorium, das kürzlich im Münster uraufgeführt wurde – «Nur die es singt, hört es, und der, dem es gesungen wird.»

Zwei Jahre hat er daran gearbeitet. Eine «grosse Kirchenoper» mit Texten des Zisterziensermönchs Bernhard von Clairvaux hätte es werden sollen. Doch finanzielle Engpässe beim Auftraggeber mahnten zur Bescheidenheit. Unglücklich ist der Komponist darüber nicht. «Ich habe gemerkt, dass die kleinere Besetzung viel besser passt. Zisterzienser sind karge Leute», hält er schmunzelnd fest.

Immenser Fundus

Daniel Glaus gehört zu den produktivsten und vielseitigsten Berner Komponisten. Wie viele Werke er schon geschrieben hat, weiss er selber nicht genau – an die hundert dürften es sein. Kammermusikalische Kompositionen gehören ebenso dazu wie grosse Orchesterwerke, Orgelstücke, Choräle, Opern und Oratorien – mit Besetzungen, die so originell anmuten wie manche Titel: «Mein barfüssig Lob», «Das Schweigen verflochten im Haar», «Vier Beleuchtungen einer dorischen Erinnerung».

Sie speisen sich aus dem immensen Fundus, den sich Glaus auf seinen Entdeckungsreisen durch Literatur, Philosophie und Religion angeeignet hat. Die christliche Mystik hat sich in seinen Kompositionen ebenso niedergeschlagen wie die jüdische Kabbala und die islamische Tradition, die ihn zu seinem jüngsten Werk inspirierte. «Mich faszinieren die Ursprünge. Ich habe auch schon Stücke zu Indianertexten gemacht», so Glaus.

Ist das alles nicht etwas verkopft und entlegen? Der Komponist schüttelt den Kopf. Schriften wie jene des mittelalterlichen Theologen Meister Eckhart seien «hochaktuell». Überhaupt: «Man ist noch lange kein politischer Komponist, nur weil man die Tageszeitung vertont. Man kann sogar politischer sein, wenn man sich mit tausendjährigen Texten befasst.»

Er beschäftige sich sehr lange mit einem Stück, bevor er es zu notieren beginne. Was es brauche, sei eine «Audition» – das Pendant zur Vision, die ein Maler von einem Bild habe. «Der Komponist Paul Hindemith hat diesen Moment mit einer Gewitternacht verglichen, in der ein Blitz für kurze Zeit eine ganze Landschaft sichtbar macht.» Der Rest sei vor allem Handwerk, meint Glaus. «Man muss eine Ahnung haben von den Instrumenten, ihren Möglichkeiten. Man muss wissen, wie man einen Spannungsbogen baut und was beim Hörer passiert, wenn ein Ton erklingt. Das geht fast schon in den Bereich der Wahrnehmungspsychologie.»

«Religion und Weitsprung»

Glaus hat bereits als Erstklässler zu komponieren begonnen – auf seine eigene Art: Er habe «schöne Noten» gezeichnet – «natürlich mit möglichst vielen Fähnchen». Weil das Geld für ein Klavier fehlte, musste er sich lange mit einer Blockflöte begnügen. Der Weg indes war klar, obwohl er auf Wunsch der Eltern zunächst «einen Brotberuf» lernte. Ein Jahr gab er Primarschulunterricht – «in Religion, Weitsprung und Französisch» –, parallel dazu begann er sein Studium.

Heute kann er seine Tätigkeiten kaum mehr an einer Hand abzählen. Glaus ist nicht nur «Titularorganist» am Münster. Unter der Woche amtet er als Musikprofessor in Bern und Zürich, er gibt Orgelkonzerte, organisiert Kongresse und Konzertreihen. Und gleichsam nebenbei hat er noch einen neuen Orgeltypus mitentwickelt, der neue Möglichkeiten eröffnet. Man fragt sich, wie er da überhaupt noch zum Komponieren kommt.

Gefragter Komponist

An Projekten fehlt es jedenfalls nicht. Für das Kirchenmusikfestival in Dresden 2011 plant er ein Werk mit dem Arbeitstitel «Mystik – Fluss durch die Religionen». Und kürzlich hat er gleich drei Anfragen erhalten: Der Schweizer Konzertchor möchte zwei Orgelstücke von ihm, um ein Konzert von Alfred Schnittke einzurahmen. In der Kathedrale von Barcelona soll er ein eigenes Orgelwerk uraufführen. Und das Bachfest Schaffhausen hat eine Komposition mit Bach-Bezug bestellt. Glaus schwebt da schon was vor. Kein Wunder: Wenn es um einen neuen Blick auf alte Werke geht, war er schon immer in seinem Element. >

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