Dirigenten unerwünscht

In Paris wird ein Dirigierwettbewerb lanciert, zu dem nur Frauen zugelassen sind.

Die französische Dirigentin Claire Gibault hat den Dirigentinnen-Wettbewerb initiiert. Hier führt sie mit ihrem Orchestra Mozart Samuel Barbers Adagio op. 11 auf. Quelle: Youtube

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Dirigentinnen? Doch, es gibt sie, immer öfter, immer selbstverständlicher. Es ist einiges in Bewegung gekommen in den letzten Jahren.

Aber noch längst nicht genug: Dies finden jedenfalls Claire Gibault, Chefdirigentin des Pariser Orchestra Mozart, und Laurent Bayle, Präsident der Philharmonie de Paris. Derzeit würden in Frankreich nur gerade vier Prozent der Konzerte von Frauen dirigiert, so haben sie ausgezählt, und in anderen Ländern sei es ähnlich.

Deshalb gründen sie nun einen internationalen Dirigierwettbewerb ausschliesslich für Frauen – Dirigenten sind nicht zugelassen. 2020 soll der Concours erstmals stattfinden, in Paris; 12 Bewerberinnen werden antreten dürfen, alle unter 40 Jahre alt. Die Jury, die sich aus je drei Dirigenten und Dirigentinnen zusammensetzt, wird von Deborah Borda präsidiert, der Präsidentin des New York Philharmonic Orchestra.

Ein Zeichen setzen

Der Wettbewerb ist nicht die erste Sonderaktion zur Förderung von Dirigentinnen – aber wohl die umstrittenste. Würde dieser Concours nicht von Privaten ausgerichtet, wäre er ein Fall fürs Diskriminierungsgesetz, monieren Kritiker. Und auch solche, die den Dirigentinnen Unterstützung gönnen, fragen sich, ob ein derart geschützter Rahmen wirklich sinnvoll sei. Denn wenn es um Engagements geht oder gar um Chefposten: Dann ist die männliche Konkurrenz ja wieder da. Ein Preis bei einem ausschliesslich weiblichen Wettbewerb wird den Findungsgremien wenig Eindruck machen.

Aber vielleicht geht es einfach darum, ein Zeichen zu setzen – so wie 2016 beim Lucerne Festival, als unter dem Motto «PrimaDonna» zahlreiche Frauen aufs Podium gebeten wurden. Und ganz bestimmt schadet es nicht, wenn das Thema diskutiert wird und vielversprechende Nachwuchs-Dirigentinnen ins Rampenlicht gerückt werden.

Die 39-jährige Mexikanerin Alondra de la Parra hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Seit 2017 ist sie Chefdirigentin beim Queensland Symphony Orchestra.

Allein sind sie dort längst nicht mehr. Neben den wirklich arrivierten Dirigentinnen (wie Marin Alsop, Simone Young. Susanna Mälkki, Emmanuelle Haïm oder Mirga Grazinyte-Tyla) haben in den letzten Jahren etliche weitere eine beachtliche Karriere gemacht. Die Italienierin Speranza Scapucci und die Amerikanerin Karina Canellakis, die Russin Anna Skryleva und die Mexikanerin Alondra de la Parra: Sie und noch einige weitere haben inzwischen einen Posten als Chefdirigentin – noch nicht an den ganz grossen Adressen vielleicht, aber immerhin an mittelgrossen.

Eine zweite Basler Musikdirektorin

Auch die Agenturen springen auf: Soeben hat die Londoner Askonas Holt – die Dirigenten wie Daniel Barenboim oder Simon Rattle vertritt – mit der 32-jährigen Corinna Niemeyer eine weitere Dirigentin unter Vertrag genommen (fünf weitere waren schon vorher da). Und an Nachwuchs fehlt es nicht: In den Dirigierausbildungen steigt die Frauenquote jedenfalls rapide an.

Die 40-jährige Estin Kristiina Poska dirigiert das Sinfonieorchester Basel in Rachmaninows «Rhapsodie über ein Thema von Paganini».

Zwar ist das Engagement von Dirigentinnen immer noch für viele Institutionen eine Frage der Image-Pflege; kein Orchester, das als fortschrittlich gelten will, kann sich noch Jahresprogramme mit ausschliesslich männlichen Namen leisten.

Aber neben den positiven Schlagzeilen zählen zunehmend die guten Musikerinnen. Am Theater Basel zum Beispiel: Dort wird im kommenden Herbst die Estin Kristiina Poska als Musikdirektorin starten (allerdings nur für eine Spielzeit, sie wird ihr Amt zusammen mit dem Intendanten Andreas Beck im Sommer 2020 wieder abgeben). Poska ist nach Julia Jones bereits die zweite Frau auf dieser Position: Keine Quotenfrau also – sondern eine ganz normale Möglichkeit.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt