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Wie man mit Beschränktheit brilliert

Körperliche Höchstleistungen und Stunts sind das Kapital von Tom Cruise. In «Mission: Impossible – Fallout» zeigt er einmal mehr, wie das geht. Und was er eigentlich nicht kann.

Tom Cruise traut sich Herausforderungen zu, die jüngere Kollegen leer schlucken lassen: Als Ethan Hunt auf Verfolgungsjagd in Kashmir. Bild: PD
Tom Cruise traut sich Herausforderungen zu, die jüngere Kollegen leer schlucken lassen: Als Ethan Hunt auf Verfolgungsjagd in Kashmir. Bild: PD

Er ist so etwas wie der Duracell-Hase unter Hollywoods Grossverdienern: Tom Cruise, der sich 1986 mit dem Fliegerspektakel «Top Gun» in die Topstar-Liga katapultierte, rennt 32 Jahre später immer noch unermüdlich gegen das Böse an. Mehr noch: Im reifen Alter von 56 Jahren traut er sich körperliche Herausforderungen zu, die jüngere Kollegen leer schlucken lassen.

In «Mission: Impossible – Fallout», dem sechsten Teil der seit 1996 laufenden Agentenserie, flieht Cruise auf dem Motorrad im Gegenverkehr durch Paris, er springt aus einem Flugzeug in Gewitterwolken, er übt sich in Freeclimbing und einer Helikopter­verfolgungsjagd in Kashmir, und er sprintet wie ein getriebenes Jo-Jo über Londoner Hausdächer. Wobei sich der Schauspieler bei letzterem Stunt den Knöchel brach und mehrere Wochen pausieren musste.

Markenzeichen von Cruise

Berufsrisiko, mag man einwenden, aber genau dies ist das Markenzeichen und das Kapital von Tom Cruise. Dieses berserker­hafte Sich-Reinhängen, dieses körperliche Über-sich-Hinaus­wachsen, dieser vorbehaltlose Vorwärtsdrang machen seine Performances sehenswert. Zugleich ist das natürlich auch eine Flucht vor dem, was er nicht kann: Zwischentöne zeigen, Geheimnisse offenbaren, doppeldeutige Charakterzüge durchschimmern lassen.

Anders gesagt: Subtilität, Anspielungen und Geheimniskrämereien sind nichts für Cruise. Macht nichts, denn erstens hat er dies längst begriffen und ist zweitens so clever, sich als Filmproduzent fast ausschliesslich Rollen zu sichern, die ihn in seiner mimischen Beschränktheit nicht behindern, sondern voranbringen. Sturheit als Stärke, so würde man das vielleicht bei Scientology nennen, jener zweifelhaften Organisation, für die der Star seit den Achtzigerjahren Werbung macht.

Sturheit im Film bedeutet allerdings nicht, dass Cruise ausschliesslich Actionhelden verkörpern würde. Eine seiner bemerkenswertesten Darstellungen war die des frauenverachtenden Sexgurus («Respect the cock!») im Episodendrama «Magnolia» (1999). Cruise spielte die Nebenrolle des wild wütenden Bühnenmackers so leinwandfüllend, dass er dafür seine dritte von bislang drei Oscarnominationen erhielt. Oder dann «Collateral» (2004), eines jener raren Werke, in denen Cruise den «bad guy» verkörpert – als Auftragskiller im Massanzug, der keine Miene verzieht, wenn seine Zielpersonen das Zeitliche segnen. Physische Anstrengungen gibts da zwar auch zu sehen, aber in erster Linie geht es um den Schockeffekt, wenn Cruise über Leichen geht und damit das Gegenteil dessen verkörpert, wofür er sonst steht. Das Gute.

Angezogene Handbremse

Diese Filme, die nicht seinem typischen Image zudienten, verschafften dem Star Respekt. Doch weitere Überraschungseffekte blieben in den letzten Jahren aus. In Science-Fiction-Filmen wie «Oblivion» (2013) oder «Edge of Tomorrow» (2014) agierte Cruise als austauschbare Hülle und mit angezogener Handbremse. Als Teil des «Dark Universe», das alte Horrorklassiker für ein jüngeres Publikum auffrischte («The Mummy», 2017), sah man ihn läppische Grimassen schneiden. Lustig war das nicht, gruselig schon gar nicht.

Da ist es ganz gut, wenn Cruise wieder in seine Paraderolle in der Serie «Mission: Impossible» schlüpft und dabei geradezu empathische Charakter­züge offenbart. Etwa wenn sich Ethan Hunt bei der Frage «Sind Millionen von Menschen mehr wert als ein einzelnes Leben?» nicht entscheiden mag, sondern beides retten muss.

In «Fallout» von Christopher McQuarrie ist es der Sprengstoffexperte Luther (Ving Rhames), den Hunt vor dem Tod bewahrt und dafür einen Koffer mit Plutonium-Sprengköpfen aus der Hand gibt. Um diesen wieder zu bekommen, wendet sich der Held an eine Vermittlerin namens Weisse Witwe (Vanessa Kirby) und wird dabei von einem muskulösen CIA-Agenten (Henry Cavill) beschattet. Der Preis für den Koffer: Hunt soll dem inhaftierten Anarchisten Solomon Lane (Sean Harris), bekannt aus dem Vorgängerfilm «Rogue Nation», zur Flucht verhelfen.

Wenn der Weltenretter zum Schulbub wird

So wird «Mission: Impossible – Fallout» zur turbulenten Hetzjagd durch halb Europa sowie zum Verwirrspiel mit zahllosen (Geheim-)Organisationen. Und immer dann, wenn die Lage aussichtslos scheint, meint Hunt trocken: «Ich lass mir was einfallen.» So weit, so unterhaltsam.

Überraschenderweise ist es dann aber eine leise Szene, die von diesem beeindruckenden 150-Minuten-Brimborium bleibt: Als eine französische Polizistin versehentlich Hunts Fluchtauto entdeckt, fleht der Held sie an: «Gehen Sie weg, bitte gehen Sie weg!» Da wird der Weltenretter plötzlich zum Schulbub. Und man meint für einen Augenblick so etwas wie mitfühlende Bestimmtheit in Cruise’ Blick zu erkennen, eine Scheu, eine Kraft, eine Verletzlichkeit gar, die man fast als Subtilität bezeichnen könnte.

«Mission: Impossible – Fallout». Ab 2. August im Kino.

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