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Wer hat Jean-Luc Godard auf dem Gewissen?

Zwei grosse Regisseure, ein kurioser Film: «Le Redoutable» von Oscarpreisträger Michel Hazanavicius («The Artist») zeigt die Kehrseite der Schweizer Filmikone Jean-Luc Godard. Und mehr als das.

Er war der Star der französischen Nouvelle Vague. Jean-Luc Godard avancierte mit Filmen wie «A bout de souffle» (1960) zur Galionsfigur eines Kinos, das es bis anhin nicht gegeben hatte. Mit experimentellen Schnipseln und coolen Ganoven schuf er unmittelbares Kino, das den Nerv einer jungen Generation traf.

Doch dann wandte sich Godard vom Publikum ab, verrannte sich in revolutionären Filmexperimenten und radikaler Gesellschaftskritik. Inmitten der 68er-Aufbruchbewegung wurde der Schweizer Regisseur zum demagogischen Rebellen, der sich gegen alle und jeden wandte – vor allem gegen sich selbst.

Verwandt im Desaster

Wie es dazu kam, erzählt nun die Filmbiografie «Le Redoutable» von Michel Hazanavicius. Das passt, denn Hazanavicius hat zuletzt eine ähnliche Krise durchlebt wie Godard: Die Stummfilmhommage «The Artist» (2011) war ein Publikumsmagnet und gewann fünf Oscars. Aber dann war Schluss mit Illusion und Ironie. Hazanavicius verirrte sich mit «The Search» (2014) in den Tschetschenienkrieg, das übersentimentale Machwerk wurde zum künstlerischen und finanziellen Desaster.

«Ich möchte mich nicht mit Godard vergleichen», sagt Hazanavicius beim Interviewtermin in Cannes, «aber es war klar, dass ich in ‹Le Redoutable› auch von mir erzählen musste. Dieser Film half mir, wieder auf die Beine zu kommen – auch wenn er nicht von mir persönlich handelt.»

«Le Redoutable» beginnt 1968, als Godard (Louis Garrel) mit seiner damaligen Ehefrau, der erst 19-jährigen Anne Wiazemsky (Stacy Martin), «La Chinoise» dreht. Der Film wird ein Flop, den Nouvelle-Vague-Star trifft das bis ins Mark. Das Bohemienpaar nimmt an den Maidemonstrationen in Paris teil, worauf sich Godard zunehmend radikalisiert, mit Gleichgesinnten überwirft, seine Gattin brüskiert.

Der Mörder des Ehemanns

«Godard wollte sich erneuern», sagt Hazanavicius, «aber das war nur möglich, indem er den alten Godard umbrachte. So geschah, was viele Paare zur Trennung treibt: Einer drängt vorwärts, der andere weigert sich, diese Entwicklung zu akzeptieren. Und Regisseur Godard wurde zum Mörder des Ehemanns Godard.»

Diese Selbstdemontage, basierend auf dem 2015 erschienenen Schlüsselroman «Un an après» von Wiazemsky, erzählt Hazanavicius nicht als bleiernes Drama, sondern auf fast karikatureske Art. Zum Beispiel wenn Godard-Darsteller Louis Garrel im Film sagt: «Ich bin nicht Godard. Ich bin bloss ein Schauspieler, der Godard spielt – und das nicht mal besonders gut.» Oder wenn der nackte Godard zu seiner nackten Gattin sagt: «Ich begreife einfach nicht, warum Schauspieler immer nackt sein müssen.»

Solch doppelbödiger Witz steht dem Porträt über einen Verbitterten gut an. Ebenso die hektischen Schnitte, die Untertitel, die Negativbilder, alles typische Stilmittel, die schon Godard benutzte. Und dann geht auch die Brille des Regisseurs dauernd kaputt, mal bei einer Demonstra­tion, mal bei einer Schlägerei in der Kneipe. «Das ist ein simpler Running Gag», sagt Hazanavicius, «aber ich fand es furchtbar lustig, dass ein Visionär wie Godard ständig mit zerbrochenen Gläsern rumlaufen muss.»

Bleibt die Frage: Ist diese Godard-Persiflage für Nicht-Godard-Kenner überhaupt verständlich? «Aber sicher! Sie können den Namen Godard durch die Worte schwarzweiss und Stummfilm ersetzen, und dann hätten sie dieselbe Frage zu ‹The Artist›», entgegnet Hazanavicius. «Was ich sagen will: Ich mache keine Filme für Spezialisten, sondern für ein breites Publikum. In diesem Fall würde ich sogar be­haupten, dass man als Zuschauer ein besseres Kinoerlebnis hat, wenn man Godard gar nicht kennt.»

«Le Redoutable»: Der Film läuft ab heute im Kino.

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