Unter Toten

Das internationale Kurzfilmfestival Shnit trumpfte einmal mehr mit einer ungewöhnlichen Spielstätte auf: Am «Scary Shnit» konnte man im Krematorium beim Bremgartenfriedhof Horrorfilme schauen.

Morbides Vergnügen: Horrorfilme schauen im Aufbahrungsraum des Krematoriums.

Morbides Vergnügen: Horrorfilme schauen im Aufbahrungsraum des Krematoriums.

(Bild: Susanne Keller)

Helen Lagger@FuxHelen

«Gibt es hier eine Bar?», fragen meine beiden Begleiterinnen, die es nicht nach Bloody Mary, sondern nach einem Gin Tonic dürstet. Wir sind auf morbider Mission: Am Kurzfilmfestival Shnit werden dieses Jahr unter dem Motto «Scary Shnit» Horrorfilme im Krematorium beim Bremgartenfriedhof in Bern gezeigt.

Im Kellergeschoss, wo alte Öfen stehen, die – wie wir erfahren – nicht mehr in Betrieb sind, gibt es tatsächlich eine Bar. Ist der Barkeeper ein Zombie? Im pinkfarbenen Licht lässt sich das nicht klar erkennen. Der Mann trägt eine Fliege, was eher auf einen Vampir hindeutet, und lässt uns grosszügig gleich selbst zur Flasche greifen und einschenken. Wir stossen auf ein langes Leben an und fragen uns, ob der hinter Glas ausgestellte Sarg echt oder Requisit ist.

Nicht «scary» genug

Im Aufbahrungsraum beginnt schliesslich der Filmzyklus. «Sequence» des spanischen Regisseurs Carles Torrens beschwört ein klassisches Horrorszenario herauf. Ein Mann wacht neben seiner Freundin auf, die sich, kaum wach, aus unerklärlichen Gründen schrecklich vor ihm fürchtet. Sie sagt, sie habe etwas Furchtbares geträumt. Der Alptraum geht weiter auf der Arbeit. Alle schauen den Mann an, als wäre er der Antichrist höchstpersönlich. Eine paranoide Stimmung entsteht. Schliesslich gerät der Gequälte auch noch in eine Schiesserei.

Was Realität und was Traum ist, verschwimmt. Geschieht das alles nur im Kopf des Mannes? Egal. Angst haben wir keine. Nicht «scary» genug. Unheimlich ist uns vielmehr das im Saal herumtapsende Kleinkind. Was macht es um 22 Uhr in einem Krematorium?

Schreckliches Verbrechen

Kurzer Moment der Irritation, als wir ein lautes Weinen vernehmen. Das Kindergeschrei stammt allerdings vom Baby im nächsten Film. Es geht um Entfremdung in den eigenen vier Wänden und um ein schreckliches Verbrechen. «Save» des Spaniers Iván-Sáinz Pardo geht unter die Haut und braucht dazu kaum Effekte. Zwei junge Eltern in einer Wohnung, ein gekonntes Spiel mit Zeitebenen und am Ende eine leere Wiege. Was ist genau passiert?

Brutal geht es weiter. Der britische Film «The Mass of Men» von Gabriel Gauchet erzählt von einem Amoklauf auf einer Arbeitsvermittlungsstelle. Für mich ein Déjà-vu – der Film wurde bereits während einer früheren Ausgabe von Shnit gezeigt. Dennoch fährt der Film ein. Fazit: Die Realität auf manchen Ämtern – eine eiskalte Beamtin schikaniert Arbeitssuchende – kann gruseliger sein als jeder Poltergeist.

In der Geisterbahn

Mit «Ghost Train» des Iren Lee Cronin kehrt das Mystery-Genre zurück auf die Leinwand. Die Geschichte ist ebenso packend wie verstörend.

Zwei Brüder machen sich, wie alle Jahre, auf den Weg, um auf einer ausrangierten Geisterbahn ihres verstorbenen Freundes Sam zu gedenken. Er wurde als Kind in die Geisterbahn gezogen, während die Brüder ohnmächtig zuschauen mussten. Seitdem war Sam verschwunden. Der eine Bruder macht dieses Jahr ein Geständnis, das ein neues Licht auf die Geschichte wirft und eine Begegnung mit Sam herbeiführt. Dieser hat mutiert. In Rück­­blenden erfährt man, dass Sam die beiden Buben zu dem Ausflug überredet hat. Ein abgekartetes Spiel? Buh! Das ist jetzt aber richtig Stephen-King-mässiger Horror.

Nach der Horrorschau hasten wir entlang des Bremgartenfriedhofs zur Bushaltestelle. Mögen die Toten in Frieden ruhen! Zumindest bis wir den Bus erreicht haben. Schliesslich ist es noch nicht Halloween.

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