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Sie erfand den roten Teppich

Ohne Klytämnestra, die eifersüchtige Ehefrau aus der griechischen Mythologie, wäre die Oscar-Nacht undenkbar.

Hatte doppelt Grund, ihren Ehegatten aus dem Weg zu räumen: Klytämnestra. Foto: Alamy Stock Photo
Hatte doppelt Grund, ihren Ehegatten aus dem Weg zu räumen: Klytämnestra. Foto: Alamy Stock Photo

Sie plante den Mord an ihrem Ehemann, aber sie empfing ihn wie einen Gott. Klytämnestra, die Königin von Mykene, liess vor dem Palast purpurrote Tücher ausbreiten, um Agamemnon willkommen zu heissen, er der nach zehn Jahren Krieg siegreich aus Troja heimkehrte. So schilderte vor 2500 Jahren der Dramendichter Aischylos den ersten Auftritt eines roten Teppichs in der Weltgeschichte.

Wenn in der Nacht auf Montag die Stars über dieses spezielle Gewebe der Oscar-Verleihung entgegenschreiten, werden sich die wenigsten bewusst sein, wie blutig der Ursprung dieser Tradition ist. Es führt eine direkte Linie von der antiken Tragödie zur weltweit übertragenen Filmpreisverleihung. Und ohne dieses Requisit ist heute kein Botschafterempfang mehr denkbar, kein Schönheitswettbewerb, keine Hochzeit und kaum eine Coiffeursaloneröffnung.

Klytämnestra hatte doppelt Grund, ihren Ehegatten aus dem Weg zu räumen. Agamemnon hatte die gemeinsame Tochter rücksichtslos geopfert, um den Göttern günstige Winde für die Übersetzung nach Troja abzutrotzen. Und auf dem Schlachtfeld hatte er sich Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs, als Geisel und zur Geliebten genommen.

«Kurz, ehre mich als Menschen, nicht als einen Gott.»

Agamemnon zu Klytämnestra

Aber auch Klytämnestra war in den langen Kriegsjahren nicht untätig geblieben. Ihr Liebhaber war der Finsterling Aigisthos. Zusammen planten sie den Mord. Um Agamemnon in Sicherheit zu wiegen, arrangierten sie den Empfang auf den Tüchern in der Farbe, die den Göttern vorbehalten war, und nur ihnen. Agamemnon aber war vorsichtig: Er wolle keinesfalls den Neid der Götter provozieren, sagt er bei Aischylos. Darum setze er als Sterblicher sicher nie den Fuss auf die roten Tücher.

«Kurz, ehre mich als Menschen, nicht als einen Gott», sagt Agamemnon zu Klytämnestra in der klassischen Übersetzung von Johannes Minckwitz. Arroganz und Hochmut lehnt er ab. Aber schliesslich erhört der untreue und gleichzeitig gehörnte Ehemann seine Frau eben doch. Warum der Sinneswandel? Aischylos lässt uns über Agamemnons Motive im Dunkeln. Generationen von Altphilologen und Regisseuren rätseln seither.

Den Zorn der Götter fürchtet niemand mehr, weder in Hollywood noch sonst wo.

Jedenfalls tritt Agamemnon «auf des Purpurs Glanz» und folgt Klytämnestra in den Palast. Sein Schicksal ist besiegelt. In der Nacht erledigt ihn seine Frau mit einer Doppelaxt. Aber das Drama wäre nicht perfekt, wenn nicht auch Klytämnestra gewaltsam zu Tode gekommen wäre. Sohn Orest rächte blutig den Tod des Vaters. So war das bei den alten Griechen. Stoff für eine ganze Tragödientrilogie.

Aber die Menschheit hat daraus nichts gelernt. Seit den 1920er-Jahren ist der rote Teppich fester Bestandteil royalen Pomps. In den USA, wo der Filmadel die echten Royals ersetzen musste, leiteten die Oscars dann die Verbürgerlichung des roten Teppichs ein. Seither ist kein Halten mehr. Den roten Teppich betreten zu dürfen, gilt als besonders ehrenvoll. Den Zorn der Götter fürchtet niemand mehr, weder in Hollywood noch sonst wo.

Entsprechend billig ist der rote Teppichstoff heute zu haben. Auf www.schutzmatten.ch gibts ihn für 7.80 Franken pro Laufmeter.

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