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Schön und traurig: Ai Weiweis Weltreise

Der chinesische Exilkünstler besucht in seinem Dokumentarfilm «Human Flow» Menschen auf der Flucht. Und tappt in die Falle.

Unterwegs für «Human Touch»: Ai Weiwei.
Unterwegs für «Human Touch»: Ai Weiwei.
zvg

1989, nach dem Fall der Berliner Mauer, gab es 11 Länder, in denen Grenzen mit Mauern gesichert wurden. Heute sind es 70. Das grösste Flüchtlingslager im Libanon hat ein eigenes Wirtschaftssystem etabliert. 65 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht, so viele wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Im Schnitt ist ein Flüchtling 25 Jahre fort von seiner Heimat.

Es sind unschöne Zahlen und Fakten, die uns der chinesische Künstler Ai Weiwei in seiner Dokumentation «Human Flow» erzählt. Wahrscheinlich stimmen sie, beweisen lässt sich das schlecht in einem Film. Hingegen lässt sich um die Welt reisen und die Hotspots dieser globalen Migrationskrise aufsuchen und zeigen, und genau das hat Ai Weiwei gemacht.

Am Anfang war Lesbos, wo er Ferien machte mit seinem Sohn und Zeuge wurden, wie ein Flüchtlingsboot strandete. Danach bereiste er Afrika, Afghanistan, Bangladesh, Calais, Italien, England, Berlin-Tempelhof, Syrien, den Libanon, insgesamt 23 Länder in einem Jahr.

Manchmal filmt er selber mit seiner Telefonkamera, manchmal brät er Spiesse für Flüchtlinge, oder er schneidet ihre Haare. Immer wieder kommen Drohnenkameras zum Einsatz, die bildgewaltige Aufnahmen von einem einsamen Schiff im Wasser liefern oder von herumwuselnden Menschen, die irgendwann zu Ameisen werden. Es sind solche ungewohnte Perspektiven, die dem Film seine stärksten Momente bescheren.

«Human Flow», diese persönliche Reise des Ai Weiwei, lässt ansonsten wenig Raum für Neues. Am Ende sind es lange 140 Minuten, zumal sich die Bilder und Botschaften wiederholen. Fröhlich spielende Kinder, die vor der Kamera eine Show abziehen, stehen wie Weiwei für das menschlich Gute in der Menschenkrise, bleiben aber letztlich ein Klischee, das nicht berührt.

Nichts Neues

Als ob jene Krise noch eine fachmännische Existenzbestätigung bräuchte, kommen diverse Experten zur Sprache, die bestimmt nichts Falsches sagen, aber halt auch nichts Neues: «Wir brauchen Toleranz, nicht Rassismus» – stimmt. Die Ursachenforschung bleibt ein Randthema, ­Lösungsansätze liefert der Film keine.

Ausser vielleicht jenem ­syrischen Ex-Astronauten, der eine originelle Idee präsentiert: «Leider gibt es viele schlechte Menschen auf diesem Planeten. Am besten schicken wir sie ins Weltall.» Doch an solchen Fragen sollte der Film auch nicht gemessen werden, seine Absicht ist mehr die Bestandsaufnahme aus streng humanistischer Sicht als irgendeine Erklärung.

Entstanden ist eine phasenweise beeindruckende Collage, die aufrütteln will – aber leider beinahe das Gegenteil bewirkt: Die vielen Schauplatzwechsel und Redundanzen führen zu einer Art Abstumpfung.

Prägnanter in der Installation

Vielleicht sollte sich Ai Weiwei, der heute im Exil in Berlin lebt, ganz auf seine Installationskunst konzentrieren. Sein Projekt mit 3500 Flüchtlingsrettungswesten an der Fassade des Kunstmuseums Kopenhagen etwa war ein deutlich prägnanteres Zeichen als dieser Film – und erst noch klimaschonender.

«Human Touch»:Der Film läuft ab morgen im Kino.

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