«Ich bin auch gutmütig»

Sido kann auch Film. Der deutsche Erfolgsrapper («Mein Block») spielt in einer Tragikomödie über Sinti und Roma die Hauptrolle. Das passt: Der 37-Jährige hat selbst Sinti-Wurzeln.

Ungleiches Paar: Sophie (Michelle Barthel) und Johnny (Sido) im ­Fernsehfilm «Eine Braut kommt selten allein».

Ungleiches Paar: Sophie (Michelle Barthel) und Johnny (Sido) im ­Fernsehfilm «Eine Braut kommt selten allein». Bild: ARD

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Sido, Sie stammen aus einer ­Sinti-Familie. Jetzt spielen Sie in einem Film über Sinti und Roma mit. Wie kam es dazu?
Sido: Produzent Marc Conrad hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Und weil mir das Thema gefällt, habe ich zugesagt. Besonders lustig finde ich, dass ich im Film einen Deutschen spiele, obwohl ich Sinti-Wurzeln habe. Aber die sieht man mir ja nicht an.

Seit einer Weile rappen Sie ja auch über diesen Aspekt Ihres Lebens. Gab es einen Anlass, das Thema aufzugreifen?
Den gab es. Ich habe zwar eine grosse Familie, aber nur wenige Menschen, mit denen ich viel zu tun habe. Mein Opa ist vor einer ganzen Zeit gestorben, und vor etwa zwei Jahren ist auch noch sein Bruder gestorben. Er war der letzte Mann in der Familie, der mir noch Dinge über uns hätte erzählen können. Leider habe ich es aber verpasst, mit ihm darüber zu sprechen. Daraufhin habe ich mich selber damit befasst, und da sind die Songs entstanden.

Redet denn Ihre Mutter nicht gern über die Familie?
Doch, die redet viel darüber. Aber sie hat eine andere Sichtweise. Frauen werden in der Familie meiner Mutter traditionell nicht so gut behandelt, und sie würden gern freier sein, als sie sind. Das ist eine Kulturfrage.

Sind Sie stolz, Sohn einer Sinti-Mutter zu sein?
Das ist nichts, worauf ich besonders stolz bin. Mir ist grundsätzlich die Herkunft eines Menschen egal. Sobald man Leute in Ethnien und Religionen einteilt, grenzt man sie aus, und sich selber grenzt man ab. Auf so was habe ich keinen Bock.

«Eine Braut kommt selten allein» soll laut ARD der erste Film sein, der die Lebenswirklichkeit der Roma in den Mittelpunkt stellt. Stimmt das?
Ja, auch wenn der Film in 90 Minuten natürlich nicht die ganze Kultur darstellen kann. Aber er zeigt zum Beispiel, dass diese Leute sehr familiär und loyal sind. Die Familie hält zusammen, und man gehört für immer und ewig dazu, egal, was passiert. Und sie sind sehr musikalisch, was mir besonders wichtig ist. Der Film zeigt aber auch die Probleme – dass die hier und da klauen, dass die sich durchs Leben tricksen. Wir halten da nicht hinter dem Berg. Aber es wird auch erklärt, warum das so ist, und das finde ich spannend. Der Film zeigt, dass Sinti und Roma die Randgruppe aller Randgruppen sind – die, um die sich keiner kümmert.

Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und haben es als Musiker ganz nach oben geschafft. Verspüren Sie eine besondere Verpflichtung, etwas für die Benachteiligten der Gesellschaft zu tun?
Ob ich Menschen helfen möchte, hat nichts damit zu tun, wie viel Geld ich besitze. Früher hatte ich nichts. Wenn ich damals mit der Bahn von der Schule nach Hause gefahren bin und ein Bettler kam rein, habe ich dem mein Schulbrot gegeben. Ich vertraue darauf, dass jeder Mensch mit einem moralischen Kompass geboren wird und weiss, was gut und was schlecht ist.

Der Johnny, den Sie im Film spielen, ist ein gutmütiger, friedlicher Kiffer. Ihr Image ist ja ein ganz anderes . . .
Gutmütig bin ich auch. Aber ich kann besser Nein sagen als Johnny, dem fehlt ein bisschen Rückgrat, und das kann ich von mir nicht sagen.

Wollen Sie mit dem Film eigentlich Ihr altes Image als Gangsterrapper loswerden?
Ihr Journalisten verwechselt da was. Meine Karriere besteht nicht aus einem Image, sondern aus mir, aus dem Menschen. Als ihr mich zum ersten Mal gehört habt, war ich 18. Heute bin ich ein anderer. Was erwartet man denn von mir? Soll ich auf einer Bahnhoftoilette liegen und mir Heroin spitzen, bin ich dann cool? Nein, was die Menschen über mich denken, ist mir egal.

Sie haben gerade ein Kinderhörspiel produziert, in dem es um eine fleissige Biene geht. Das klingt schon ganz schön brav.
Ich finde es einfach cool, ein Hörspiel für Kinder zu machen. Meine vier Kinder hören abends immer Hörspiele zum Einschlafen, und ich möchte, dass sie auch eines von mir hören.

«Eine Braut kommt selten allein» läuft am Nikolaustag. Wie feiern Sie mit Ihrer Familie?
Wir stellen dem Nikolaus geputzte Schuhe hin, und wer böse war, kriegt ein Stück Kohle reingesteckt. Das bin dann meistens ich.

«Eine Braut kommt selten allein»: heute, 20.15 Uhr, ARD. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.12.2017, 15:45 Uhr

Zu Person und Film

Er trat mit Totenkopfmaske auf, brachte mit derben Texten die Jugendschützer gegen sich auf und prägte die deutschsprachige Rapszene entscheidend: Sido, der mit bürgerlichem Namen Paul Würdig heisst. Nun spielt der 37-Jährige die Hauptrolle in der Tragikomödie «Eine Braut kommt selten allein». Sido spielt Johnny, einen gescheiterten Clubbesitzer aus Berlin, vor dessen Tür eines Tages das Roma-Mädchen Sophie (Michelle Barthel) sitzt. Widerstrebend nimmt er sie auf – und verliebt sich. Kurz darauf zieht Sophies ganze Grossfamilie bei ihm ein, und Johnny versucht, sie vor der Abschiebung zu bewahren. ski

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