Gibt es einen guten Film über Flüchtlinge? Ja, «Atlantique»

Mati Diop erzählt von der Flucht übers Meer. Vor allem aber ist «Atlantique» eine wunderschöne Geistergeschichte.

Ada bangt um ihren Souleiman, der mit Kollegen auf einer Piroge übers Meer geflüchtet ist. Bild: PD

Ada bangt um ihren Souleiman, der mit Kollegen auf einer Piroge übers Meer geflüchtet ist. Bild: PD

Pascal Blum@pascabl

Der Atlantik in «Atlantique» nimmt die verschiedensten Formen an. Er liegt ruhig und glitzernd vor der afrikanischen Westküste, dann klatschen wieder nachtschwarze Wellen gegen das Strandcafé in Dakar in Senegal. Ada (Mame Sané) und ihre Freundinnen verbringen dort die Abende, wenn sich Ada nicht gerade mit Souleiman zum Knutschen hinter eine Ecke verzieht.

Die senegalesisch-französische Regisseurin Mati Diop ist die Nichte des berühmten Regisseurs Djibril Diop Mambéty. In ihrem Erstling zeigt sie den Ozean als Ort von Verheissung und Bedrohung, als Bild fürs Offene und als Bild fürs Bedrängende.

Darin steckt schon viel von dem, was «Atlantique» ausmacht, nämlich der poetische Blick auf ökonomische Not und Perspektivlosigkeit in Westafrika. Souleiman und seine Freunde flüchten übers Wasser, nachdem sie als Arbeiter auf einer Grossbaustelle um ihren Lohn betrogen worden sind. Danach hört man nichts mehr von ihnen. Sind die Männer tot, haben sie es geschafft?

«Atlantique» versucht herauszufinden, was es bedeutet, wenn die Freundinnen und Schwestern der Geflüchteten mit solchen Ängsten zurückgelassen werden.

Der Trailer. Video: Trigon/Vimeo

Die Form dafür ist die Fantastik, auf einmal kehren die Jungs in den Körpern ihrer Freundinnen wieder, als Gespenster mit leuchtend weissen Augen. Die geisterhafte Dimension wirkt aber schon vorher, wenn Ada Souleiman vorwirft, er schaue immer nur aufs Meer hinaus und sei gar nie bei ihr. Auch der futuristische Turm, den die Arbeiter bauen, ist eine digitale Fiktion, wie eine Fata Morgana des Fortschritts.

Wo immer wieder Menschen verschwinden, wird irgendwann die Realität als Ganzes gespenstisch, als seien die Toten unter den Lebenden. Dass Mati Diop mit ihrem in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichneten Debüt Gefühle wecken kann für das ewige Nachrichtenthema des Flüchtlingselends, liegt an diesem Fantasy-Zugang, in dem sich auch die Erzählweisen zwischen den Kontinenten vermischen.

Selbst die Unebenheiten in diesem Debüt sind sympathisch.

Die fantastische Dimension, das kann hier eine Geisterbeschwörung sein oder eine Vergegenwärtigung ungerechter Zustände. Verstärkt wird die Stimmung durch die Musik von Fatima al-Qadiri, die arabisch-muslimische Traditionen synthetisch verfremdet.

Selbst die Unebenheiten in diesem Debüt kann man sympathisch nennen; den Strang mit dem Polizeiermittler, der Souleiman der Brandstiftung verdächtigt; der reiche Omar, dem Ada eigentlich versprochen wäre und der ihr ein Leben im materiellen Überfluss verspricht. So breit wäre das nicht nötig gewesen, aber wenn wieder die bunten Laserpunkte über die Geisterkörper in der Strandbar tanzen, ist es vollkommen egal.

Am Schluss entfaltet die Erinnerung an die Verschwundenen eine Kraft, die Zukunft ermöglicht. Eine weibliche Zukunft. Wenn Mati Diop das als Französin afrikanischer Herkunft macht, wirkt «Atlantique» wie eine Aktualisierung von Paul Gilroys berühmt gewordenem Konzept des «black atlantic». Der britische Historiker verstand darunter einen transatlantischen kulturellen Raum, in dem sich die Ideen überkreuzen. Einen Möglichkeitsraum.

Derzeit in den Kinos.

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