Eine Französin wird künstlerische Leiterin des Filmfestivals Locarno

Die Pariserin Lili Hinstin leitet das Locarno Festival ab 2019.

Lili Hinstin ist seit 2013 Leiterin des Festivals in Belfort.

Lili Hinstin ist seit 2013 Leiterin des Festivals in Belfort.

(Bild: Locarno Festival)

Pascal Blum@pascabl

Es ist ein Name, bei dem man zweimal hinschauen muss. Lili wer? Lili Hinstin heisst die neue künstlerische Leiterin in Locarno. Einstimmig hat sie der Verwaltungsrat des Festivals am Freitag ernannt. Die Nachfolge von Carlo Chatrian tritt sie am 1. Dezember 2018 an. Die 72. Ausgabe im August 2019 wird ihr erstes Festival als Leiterin sein.

Lili Hinstin wurde 1977 in Paris geboren und studierte Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Philosophie in Paris und Padua. Danach gründete sie eine Produktionsfirma Les Films du Saut du Tigre. Lili Hinstin war auch für die Filmaktivitäten der Französischen Akademie in der Villa Medici in Rom verantwortlich und wirkte von 2011 bis 2013 als stellvertretende künstlerische Leiterin des Dokumentarfilmfestivals Cinéma du Réel in Paris.

Ihr wichtigster Posten ist die Leitung des Filmfestivals Entrevues in Belfort, die sie seit 2013 innehat. Von den Regisseuren, die dort gepflegt wurden, kennt man einige auch aus Locarno, etwa Miguel Gomes, Serge Bozon, Alex Ross Perry oder Joel Potrykus. Für die Freunde des Festivals klingt die Wahl also nach Kontinuität des Avancierten. Auch eine Schwäche fürs asiatische Kino spricht aus dem Belfort-Programm. Das französische Festival gilt wie Locarno als Ort der Entdeckungen; zeigen tut es vorwiegend Erst-, Zweit- oder Drittlingsfilme.

Eine Shortlist mit sechs Namen

Lili Hinstin ist nach Irene Bignardi die zweite Frau, die das Filmfestival Locarno leitet. An der Pressekonferenz am Freitag in Locarno redete sie fliessend Italienisch, raste durch ihren Lebenslauf und freute sich auf ihre Aufgabe, ein Festival mit einem solch anspruchsvollen Programm und solch grossem Publikum zu leiten. Auch die technischen Umwälzungen durch Streaminganbieter wie Netflix oder Amazon oder Virtual Reality erwähnte sie. Ebenso bekräftigte sie den Stellenwert des Schweizer Films in Locarno.

In Belfort habe Lili Hinstin eine «exzellente Arbeit» geleistet, sagt Emilie Bujès, Leiterin des Visions du réel in Nyon, die das Festival in Belfort immer wieder besucht hat. «Sie ist ein weitherum respektierter Profi und weiss sehr gut, wie man die Filme und die Crews an Festivals begleitet.» Sie sei sehr kompetent, sagt Leo Soesanto, der für das Filmfestival Cannes arbeitet. «Sie wirkt gegen aussen vielleicht weniger umgänglich als Carlo Chatrian. Heisst: Sie kann stur und leidenschaftlich sein, wenn es um die Dinge geht, die sie mag oder nicht mag.»

Im persönlichen Gespräch wirkt Lili Hinstin überlegt und eloquent; eine französische Intellektuelle, die die Sachen kennt und für sie brennt. Auf die Idee, sich fürs Festival zu bewerben, habe sie der frühere Locarno-Leiter Olivier Père gebracht. «Er meinte, das könnte doch interessant sein für mich.»

In Belfort habe sie aufpassen müssen, nicht ein zweites Locarno zu veranstalten: Das Festival findet im November statt, oft habe man versucht, nicht mehr als zwei Locarno-Titel zu zeigen. Ein Plan, den sie für Locarno hat: Das afrikanische Kino stärker einzubeziehen. «Das ist mir enorm wichtig.» Und Amazon und Netflix? Wenn die Anbieter spannende Filme im Angebot haben, wolle sie die in Locarno unbedingt zeigen. «Locarno ist nicht Cannes. Es ist hier viel wilder, viel freier.» Besonders beeindruckt an der letzten Locarno-Ausgabe habe sie der Dokumentarfilm «M» der Israelin Yolande Zauberman.

«Gewisse Enttäuschung» bei Seraina Rohrer

Aus einer Liste von 35 Kandidaten seien am Ende sechs übriggeblieben, sagte Festivalpräsident Marco Solari an der Medienkonferenz; drei Männer und drei Frauen. Die Entscheidung sei sehr schwer gewesen.

Ein Name auf der Shortlist war Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage. Sie verspüre eine «gewisse Enttäuschung», sagt sie, wolle aber vor allem der neuen Leiterin zur Wahl gratulieren. Auch freue sie sich, dass es eine Frau sei. «Und ich bin weiterhin sehr gern in Solothurn tätig.»

Auch Thierry Jobin ist «natürlich enttäuscht». Der künstlerische Leiter des Filmfestivals Fribourg war ebenfalls unter den letzten sechs Kandidaten und hat sich einige Chancen ausgerechnet. «Wahrscheinlich haben sie die kompetenteste Person ausgewählt.» Er spüre jetzt aber umso mehr Kraft, um seine Arbeit in Freiburg fortzusetzen.

Als Berater an der Wahl war der Kanadier Mark Peranson beteiligt, Programmchef unter Carlo Chatrian und eine zentrale Figur in Locarno. Seine Zukunft ist noch ungewiss, er wird Lili Hinstin in den nächsten Monaten zur Seite stehen, wie Solari sagte. Es ist davon auszugehen, dass ihn Carlo Chatrian an die Berlinale mitnimmt. Dieser übernimmt ab 2020 die künstlerische Direkion eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt.

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