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Ein hörbar leiser Abgang

Nastassja Kinski war einst die Muse grosser Filmregisseure. Am Locarno Festival fühlte sie sich nun sichtlich unwohl.

Auf der Piazza: Nastassja Kinski (56) signiert die Linse der Fotografen mit ihrem bezaubernden Lächeln.
Auf der Piazza: Nastassja Kinski (56) signiert die Linse der Fotografen mit ihrem bezaubernden Lächeln.
Keystone

«Welche Rätsel verbergen ihre Augen? Welche Geheimnisse verstecken sich hinter ihrem Lächeln?» Mit diesen Worten im Trailer zu «Tess» wurde Nastassja Kinski 1979 der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Sie war 18 Jahre jung, bildhübsch und schlagartig erfolgreich: Für den Auftritt in Roman Polanskis Historienfilm gewann die Tochter der deutschen Schauspiellegende Klaus Kinski gleich einen Golden ­Globe.

Fortan riss sich ganz Hollywood um sie. Kinski drehte mit Francis Ford Coppola, mit Wim Wenders, wieder mit Polanski, und alle nannten sie ihre Muse. In den frühen 80er-Jahren war sie die meistfotografierte Frau der Welt. Ihr voller Schmollmund, ihre grossen Augen und ihr Lolita-Image verwandelten Nastassja Kinski zur Projektionsfläche für Sehnsüchte und andere Fantasien. Eine ganze Generation war verliebt.

Doch diese Zeit liegt lange zurück. In den letzten zehn Jahren hat Kinski nur zwei Filme gedreht, mit einer Tanzshow blieb sie gerade noch dem Fernsehpublikum erhalten. Ein paar Flops in den späten 80ern hatten ihrer Karriere das Genick gebrochen. Gleichwohl empfing am Donnerstag das Filmfestival in Locarno Kinski als Ehrengast und überreichte ihr einen Preis.

Tabuthema Vater

Die heute 56-Jährige gilt als äusserst medienscheu. Persönliche Fragen, vor allem über ihre nie geheilte Beziehung zu ihrem Vater, der sich einst an Nastassjas älterer Schwester vergangen hatte und 1991 verstarb, sind bei ihr tabu. Als das Thema 2013 in einer deutschen Talkshow trotzdem zur Sprache kam, brach Nastassja Kinski in Tränen aus.

In Locarno lässt sie verlauten, dass sie an diesem Tag keine Interviews geben möchte. Uns bleibt nur, ihren grossen Auftritt auf der Piazza Grande abzuwarten. Und in der Zwischenzeit nochmals einzutauchen in ihre grossen Filme von einst. Zwei davon sind am Festival zu sehen: «Cat People» (1981) von Paul Schrader und «Paris, Texas» (1984) von Wim Wenders.

Vor allem Letzterer hat es uns angetan. In «Paris, Texas» sehen wir Nastassja Kinski in einer der vielleicht schönsten Filmszenen aller Zeiten. Kinski spielt eine Stripperin in einem amerikanischen Kaff. Eines Tages kommt ein Kunde vorbei, gespielt von Harry Dean Stanton, und erzählt ihr eine Geschichte.

Sie sieht den Mann nicht, eine einseitige Spiegelwand trennt die beiden. Doch nach und nach wird ihr klar, dass seine Geschichte ­ihre eigene ist und der Mann in Wirklichkeit ihr verschollener Ehemann.

Der Zauber ist weg

Stanton redet in dieser Szene zehn Minuten lang, Kinski schweigt, doch ihr Gesicht spricht Bände. Wie sich ihr Haupt senkt, ihre Augenbrauen in Falten legen und langsam Tränen über ihre Wangen kullern – da spürt man sie, diese Kinski-Aura, diese magnetische Anziehungskraft. Man kann als Zuschauer ­genau so wenig wegsehen wie ­damals Wim Wenders, der seine ­Kamera stur auf ihr Gesicht fokussierte.

Stunden später kommt in Locarno dann der grosse Moment: Kinski schreitet über den roten Teppich – und wir sind hautnah dabei. Mit einem bezaubernden Lächeln auf dem Gesicht signiert sie die Linse einer Fernsehkamera. Doch dann geleitet sie Festivalpräsident Marco Solari zu den Journalisten – und plötzlich ist alles anders. Der Zauber ist weg. Kinski hat keine Lust und macht keinen Hehl daraus. Ein paar einsilbige Antworten später ist sie weg.

Dasselbe Bild, als sie kurz darauf die Bühne auf der Piazza Grande betritt. Sie flüstert ein Dankeschön, bedankt sich bei den grossen Regisseuren aus ihrer Karriere, hat den über 6000 gespannten Festivalbesuchern aber überhaupt nichts zu sagen. Bereits nach wenigen Minuten huscht sie verlegen von der ­Bühne.

Der Beifall auf der Piazza ist hörbar leise. Die Rätsel hinter Nastassja Kinskis Augen bleiben ungelöst.

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