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Der vergebliche Brief des Bodyguards

Anklage ohne Widerrede: Ein neuer Dokumentarfilm zeigt, wieso es mit der 2012 verstorbenen US-Sängerin Whitney Houston kommen musste, wie es kam.

Der echte Bodyguard von Whitney Houston hiess David Roberts und war ein Polizist aus Wales. Jahrelang hat er die US-Sängerin begleitet. Dann schrieb er einen Brief an ihr Management und warnte: Miss Houston befinde sich auf einem gefährlichen Pfad.

Drogen, Alkohol, Selbstzerfleischung: Nicht ein Stalker wie in «Bodyguard», dem Film, der sie 1992 zum Weltstar machte, war zur Bedrohung geworden – sondern sie sich selbst. Der Bodyguard aus Wales wurde entlassen, Houston machte weiter.

Jeder, der das Team darauf aufmerksam machte, wurde entlassen. Das Team, das war eine rund 50-köpfige Entourage, darunter viele Familienmitglieder mit Ghettovergangenheit. Sie alle lebten von Whitney. «Ihre Mitmenschen, getrieben von der Gier, haben sich alle aus der Verantwortung gestohlen», sagt Roberts im Dokumentarfilm «Whitney: Can I Be Me».

Bis sie am 11. Februar 2012 in einem Hotelzimmer in L. A. gefunden wurde, kopfüber in der Badewanne, 48 Jahre alt, ertrunken nach einem Herzinfarkt, ihr Körper voll Kokain. Drei Jahre später erfuhr ihre Tochter Bobbi Kristina im Alter von 22 das gleiche Schicksal.

Suche nach den Ursachen

«Whitney Houston starb nicht an Drogen, sondern an einem gebrochenen Herzen», sagt ein anderer Wegbegleiter in dem Film, der mit der Originalaufnahme eines Anrufs in die Notrufzentrale ­beginnt. Im Folgenden durchforscht der britische Regisseur Nick Broomfield ihre Biografie nach möglichen Ursachen dieses persönlichen Scheiterns, und er findet allerhand.

Die Märchenstory um die kleine Nippy, wie Whitney Houston auch genannt wurde, die als Gesangswunder zum Weltstar avancierte, entpuppt sich als tieftraurige Geschichte über Fremd­bestimmung und Einsamkeit, Rassismus und Homophobie, Raffsucht und Eifersucht; die ganze menschliche Tragödie.

Nun ist es keine neue Erkenntnis, dass auch die Schönsten und Reichsten gegen solches Leid nicht gefeit sind. Insofern erzählt Broomfields Film nichts Neues und hat überdies das Problem, dass zwar viele Stimmen zu hören sind, aber alle gleich klingen: Whitney ist Opfer; von Mutter, Vater, Brüdern, Ehemann (Bobby Brown), Managern, Drogen. Keiner der Angeklagten kommt zu Wort, denn diese hatten laut Broomfield mit allen Mitteln versucht, den Film zu verhindern.

Mutter Cissy, selbst Soulsän­gerin mit allerdings bescheidener Karriere, taucht einzig in alten Bildern auf, in denen sie sagt: «Sollte Whitney wirklich homosexuell gewesen sein, würde mich das extrem stören.»

Der Film liefert keine klare Antwort auf diese Gerüchte, er gibt aber in etlichen Perlen aus dem Privatarchiv viel preis über diese spirituelle und freundliche Frau, die oft fragte: «Can I be me», kann ich bitte ich sein?

Ihr Talent war göttlich und ihr Selbstwertgefühl kümmerlich. Eine toxische Kombination, die die grosse Bühne schnell zur tödlichen Falle werden lässt.

Unveröffentlichte Aufnahmen

Der Bodyguard hatte also recht. Im Film zeigen bisher unveröffentlichte Aufnahmen von 1999, wie sie während der letzten Welttournee in Mannheim ihren grössten Hit anstimmt, «I Will Always Love You».

Bevor sie zum gewaltigen Refrain ausholt, hält sie plötzlich lange inne und schaut schweigend in die erwartungsfrohe Menschenmasse. Ihre Stimme wird liefern, aber ihre Augen offenbaren in diesem langen Moment Erschöpfung und Trotz, Liebe und Trauer. Nach dem Konzert weint sie.

«Whitney: Can I Be Me»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

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