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Der Skandal-Film der Berlinale

«DAU. Natasha» inszeniert Sex und Gewalt zur Stalin-Zeit. Wurden die Darsteller manipuliert?

Ein Abend in der Kantine auf dem Set des DAU-Projekts: Natasha Berezhnaya als Wirtin Natasha (links) und der französische Biochemiker Luc Bigé. Foto: Phenomen Film
Ein Abend in der Kantine auf dem Set des DAU-Projekts: Natasha Berezhnaya als Wirtin Natasha (links) und der französische Biochemiker Luc Bigé. Foto: Phenomen Film

An Filmfestivals sieht man manchmal Szenen, über die vorher schon so viel geredet wurde, dass sie einem unwirklich vorkommen. Im Berlinale-Wettbewerbsbeitrag «DAU. Natasha» ist es der Moment, in dem die Kantinenwirtin Natasha während eines Verhörs durch einen Geheimdienst-Offizier in der Sowjetunion 1952 gezwungen wird, sich den Hals einer Glasflasche in die Vagina einzuführen.

Man kann sich fragen, wer sich so etwas freiwillig anschauen soll. Man kann aber auch zu verstehen versuchen, was sich im Spielfilm des Russen Ilya Chrschanowski und seiner Ko-Regisseurin und Maskenbildnerin Jekaterina Oertel eigentlich zuträgt. Laut einer Interviewaussage der Darstellerin Natasha Berezhnaya im Pressematerial waren 95 Prozent der Verhör-Szenen improvisiert. Insgesamt sei das Erlebnis auf dem Filmset «manchmal beängstigend, manchmal spassig» gewesen.

Den Ermittler spielt ein ehemaliger KGB-Offizier, Natasha Berezhnaya war Marktverkäuferin in der ukrainischen Stadt Charkiw, bevor sie vom Filmteam für ihre Rolle der Kantinenchefin im DAU-Projekt gecastet wurde. Chrschanowski liess in einem Schwimmbad in Charkiw ab 2008 ein Forschungsinstitut aufbauen, in dem alles so sein sollte wie zur Sowjetzeit.

Ein Sektenführer unter dem Deckmantel der Kunst? Regisseur Ilya Chrschanowski. Foto: Phenomen Film
Ein Sektenführer unter dem Deckmantel der Kunst? Regisseur Ilya Chrschanowski. Foto: Phenomen Film

Besuchern wurden Frisuren und Kostüme aus der Zeit verpasst, sie erhielten eigene Biografien, und von den Steckdosen bis zu den Aschenbechern musste alles stimmen auf der bewohnbaren Filmkulisse. Zwischenzeitlich lebten bis zu 300 Menschen auf dem 12’000 Quadratmeter grossen Areal, auf dem gefilmt, über Monate aber auch einfach nur gelebt wurde. Und geforscht: «DAU» bezieht sich auf den sowjetischen Nobelpreisträger Lew Landau, weshalb auf dem Set immer wieder Physiker oder Mathematiker zu Gast waren.

Unter ihnen auch der französische Biochemiker Luc Bigé. Er freundete sich mit Natasha Berezhnaya an und schlief eines Abends mit ihr. Dieser Sex ist explizit in «DAU. Natasha» zu sehen. Gemäss Aussagen von Bigé in «Le monde» sei er betrunken gemacht worden und habe sich am nächsten Tag an nichts mehr erinnert. Es habe kein Drehbuch, aber einen Plan gegeben. «Aber ich bereue es nicht», so Bigé.

Ilya Chrschanowski sieht sein Projekt als Versuch, das echte Leben als Material für die Kunst zu verwenden. Hat er dabei Grenzen überschritten? Vor der Berlinale-Premiere am Mittwoch beschrieb die «taz» den Regisseur auf zwei Seiten als von Sex und Gewalt besessenen Charismatiker, der mit seinem Kunstprojekt einen «Kult» betrieben habe. Es ist die Rede von Manipulation und Machtmissbrauch.

«Wir waren Herrinnen unserer Sinne.»

Schauspielerin Natasha Berezhnaya

An der Pressekonferenz am Mittwoch sagte Ilya Chrschanowski: «Alle Gefühle sind real, aber die Umstände, in denen diese Gefühle entstehen, sind nicht real.» In der «Zwischenwelt» des DAU-Instituts sei einzig die Gewalt «eingegrenzt» gewesen. Zum Vorwurf des Machtmissbrauchs sagte Chrschanowski: «Klar, ich habe mit Teilnehmern über Gewalt, über Liebe und Sex geredet.» Das Projekt habe man nur umsetzen können, wenn man von den Beteiligten verlange, dass sie sich ganz hineingeben.

Wie sahen es die Schauspieler? «Wir waren Herrinnen unserer Sinne», sagte Natasha Berezhnaya. «Wir haben diese Schritte selbstständig unternommen, aber natürlich hatten wir auch Angst.»

Von den zehn aus dem DAU-Projekt entstandenen Filmen sind vier in Russland wegen «Propaganda für Pornografie» verboten, so auch «DAU. Natasha». Problematisch ist, dass Berlinale-Direktor Carlo Chatrian offenbar nichts von den Belästigungsvorwürfen gegen den Regisseur wusste. Gemäss «taz» mussten die Projektteilnehmer Schweigeklauseln unterschreiben.

Der Film löst aber auch eine ungemeine Faszination aus. Besäufnisse in der Kantine, Sex als Befreiung: Chrschanowski schafft es gerade dank deutlichen Darstellungen, dass wir uns vorstellen können, wie sich die Menschen in der Diktatur versteckte Freiheiten erlaubt haben. Der Nutzen eines grössenwahnsinnigen und natürlich furchtbar anstrengenden Kunst-Gesellschaftsexperiments könnte am Ende darin bestehen, dass wir erst auf diesem Weg gefährlich nahe an die Wahrheit über das Leben im Totalitarismus herankommen.

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