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Der Berner Film hat einen Lauf

Durch mehr Fördergelder ist der Berner Film im Aufwind. Für Simon Baumann wurde dadurch eine Karriere erst möglich. Sein «Zum Beispiel Suberg» ist einer der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre.

In «Zum Beispiel Suberg» spürt Simon Baumann (l.) anhand der eigenen Familiengeschichte einen gesellschaftlichen Strukturwandel auf.
In «Zum Beispiel Suberg» spürt Simon Baumann (l.) anhand der eigenen Familiengeschichte einen gesellschaftlichen Strukturwandel auf.
pd

Die Zahlen sprechen für sich. Die amüsanteste darunter ist die: Seit 2009 haben sechs Berner Produktionen einen Zürcher Filmpreis gewonnen. Etwa «Dr Goalie bin ig» 2014 oder «Der Läufer» 2018. Das hat damit zu tun, dass Berner Produktionsfirmen zusätzliche Büros in Zürich eröffnen oder mit dortigen Firmen kooperieren.

Bern muss sich in Sachen Filmschaffen also nicht mehr schämen. Auch wenn Bern Zürich noch nicht das Wasser reichen kann, ist die Entwicklung des Berner Films eine Erfolgsgeschichte. Sie hat vor allem einen Grund: ab 2010 hat die kantonale Filmförderung den Kredit auf 3,1 Millionen Franken aufgestockt. Noch Jahre zuvor wurden im Kanton Bern bescheidene 500'000 Franken für den Film ausgegeben. Das Geld reichte nirgends hin, die Berner Filmszene drohte auszusterben.

Dass dies nicht eintraf, davon berichten weitere Zahlen: Seit der Aufstockung haben 13 Bernerinnen oder Berner in irgendeiner Form einen Schweizer Filmpreis gewonnen. Zahllose Filme wurden an den Solothurner Filmtagen gezeigt. In den letzten vier Jahren war jedes Jahr ein Berner Film an der Berlinale vertreten. Das ist ein sehenswerter Leistungsausweis, auf den am kommenden Wochenende zurückgeblickt wird: am Be Movie, dem einstigen Berner Filmpreisfestival (siehe Box). Einer, der an den Podiumsdiskussionen teilnehmen wird, ist Simon Baumann.

Zum Beispiel Baumann

Er ist quasi ein Paradebeispiel. Der 40-jährige Sohn der Politiker Ruedi und Stephanie Baumann und Bruder des Grünen Neo-Nationalrats Kilian Baumann ist in Suberg aufgewachsen. Noch während des Studiums an der Hochschule der Künste in Bern gründete er 2003 die Produktionsfirma Ton und Bild in Biel und realisierte mit Andreas Pfiffner im Laufe der Jahre ein halbes Dutzend Kurzfilme, etwa über die damals noch unbekannte Bieler Band Pegasus.

2012 folgte das Langfilmdebüt «Image Problem», das in Locarno gezeigt wurde. Mit «Zum Beispiel Suberg» gewann Baumann den 1. CH-Dokfilm-Wettbewerb des Migros-Kulturprozents. Heute gehört «Zum Beispiel Suberg» zu den erfolgreichsten Berner Filmen des letzten Jahrzehnts. Und jetzt feiert Baumann auch als Produzent von «African Mirror» von Mischa Hedinger europaweit Erfolge.

Baumann gibt gerne zu, dass die damalige finanzielle Aufstockung seine Filmkarriere erst möglich gemacht hat. «Die Aussicht auf Fördergelder gab mir die nötige Sicherheit, um überhaupt dranzubleiben.» Es sei aber nicht nur ums Geld gegangen. «Das Wichtigste ist, dass wir durch die Gründung des Vereins Bern für den Film zusammengerückt sind als Branche, als Berner Filmfamilie», sagt er. «Vorher war ich der einsame Filmemacher, der da irgendwo in Bern rumdümpelt.»

Klar ist, und das sagt auch Baumann: Filme sind etwas, das sich die Gesellschaft leistet. Der Markt in der Schweiz ist so klein, dass kein Film ohne Förderung entstehen kann. Und ohne die Beteiligung der grossen drei – Bund, Kanton und Schweizer Fernsehen – lässt sich ein Film nicht finanzieren. «Die meisten Filmemacher kommen nur mit zusätzlichen Auftragsfilmen über die Runden. Ohne das geht es nicht», sagt Baumann. «Eine halbe Million Franken für einen 90-minütigen Dokumentarfilm reicht am Ende gerade aus. Man schwimmt da nicht im Geld. Die finanzielle Lage ist oft prekär.»

Befragt nach dem, was für ihn ideale Produktionsverhältnisse sind, sagt er nur «viel Zeit» und meint damit natürlich Geld. Wie sonst könnte ein Film wie «African Mirror» entstehen, für den sich Regisseur Mischa Hedinger vier Jahre lang mit René Gardis Nachlass befasst hat? «Ich glaube wirklich daran, dass Filme helfen, Gräben in der Gesellschaft zuzuschütten – zwischen Stadt und Land etwa, oder zwischen Jung und Alt», sagt er. «Und das soll der Gesellschaft auch etwas wert sein. Mit 3 Millionen kommt Bern noch günstig weg. Meiner Meinung nach, könnte man den Betrag auch gut verdoppeln.»

Träger Apparat

Die Förderung ist aber auch ein komplexes und träges System. Für ein grösseres Kinoprojekt braucht man oft weit über ein Jahr, um die Finanzierung zu sichern. Zudem gibt es etwa die 150-Prozent-Regel, die besagt, dass jeder erhaltene Franken zu 150 Prozent im Kanton ausgegeben werden muss. Damit hat Simon Baumann Mühe. Immer müssten Ausgaben auch wirtschaftlich legitimiert sein. Solche Klauseln würden der Kultur ihren Nutzen absprechen, sagt er. Auch entsprächen sie nicht der Produktionsrealität.

«Es gibt nicht endlos viele Tonmischer in Bern. Manchmal muss man auf Leute aus Zürich zurückgreifen, was alles kompliziert macht.» Grundsätzlich mangle es an Dynamik, findet Baumann. «Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Der Kinofilm steht in Konkurrenz mit Netflix oder Youtube.»

Oftmals fehle es an Flexibilität bei der Vergabe von Geldern. «Ich wünschte mir Experimentierfreude vonseiten der Förderung. Sodass auch ungewöhnliche Projekte Unterstützung finden», sagt er. «Nur so werden Pionierleistungen möglich.»

Nichtsdestotrotz: Die Berner Kamera läuft. Seit Sommer 2019 wurden nicht weniger als fünf Berner Spielfilme gedreht.

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