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Der alte Mann und der See

Am Genfersee drehte Jean-Luc Godard seinen neuen Film in 3-D. Der Zürcher Schauspieler Daniel Ludwig hat darin eine Nebenrolle – und fühlte sich auf dem Set wie ferngesteuerte Biomasse. Ein Erfahrungsbericht.

«J’ai toujours rêvé d’être un gangster». Der Titel des Gaunerfilms von Samuel Benchetrit aus dem Jahre 2007 widerspiegelt exakt meinen Gemütszustand, als ich an einem kühlen Tag im Mai am Lac Léman vor der Schiffstation in Nyon hemmungslos mit einem Colt Kaliber 9 mm herumballere, ohne dass dies die Waadtländer Gendarmerie auf den Plan rufen würde. Wer allerdings ungerührt dasteht, ist ein über achtzig Jahre alter, unrasierter Mann mit Wollmütze, dicker Brille, schwarzem Schal, Zigarre, nassen Schuhen und einem klobigen Mantel, dessen Löcher er mit schwarzem Klebeband notdürftig zugepflastert hat. Er mustert mich kalt. War ich gut? Nicht gut? Was wird er sagen?

Nur keine Panik, rede ich mir ein, auch dieser Monsieur kocht nur mit Wasser, er pflegt damit sogar – wie in der Beiz beobachtet – seinen Rotwein stark zu verdünnen. Der alte Herr schürzt die Lippen, stakst zur Seite, sein Fuss gerät an den Randstein, er wankt, weitet die Augen, rudert mit den Armen und fällt rückwärts auf das hinter ihm liegende, vom Dauerregen gnädig aufgeweichte Rasenbeet. Ich erstarre, ein Kollege will helfen, doch Monsieur rollt den Sturz gekonnt ab wie ein Aikidokämpfer, schwingt sich mühelos zurück auf seine Beine, wischt feuchtes Gras vom Hintern, beugt sich grummelnd zum Boden, hebt die noch glimmende Zigarre auf, klemmt sie wieder in den Mundwinkel und blickt auf den See. Daraufhin schlendert er zur Kamera und visioniert die eben gedrehte Szene. Die Zeit steht still.

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