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«Dann: Zack!»

Joke Lanz wurde Noise-Musiker, weil er sich an den Schuss erinnert, mit dem sich sein Vater umbrachte. Jetzt gibts mit «My Life Is a Gunshot» einen Dokfilm über den Künstler.

Joke Lanz bei einem seiner Auftritte. Foto: PD
Joke Lanz bei einem seiner Auftritte. Foto: PD

Gegen den Begriff «Musiker» habe er sich immer gewehrt, sagt Joke Lanz in «My Life Is a Gunshot»; er fühle sich dem Punkrock nahe und sehe sich als jemanden, der «more crazy» sein wolle als ein blosser Musiker.

«Gewalt, reduziert aufs Gröbste. Meine Musik ist genau dasselbe.»

Joke Lanz

«Hast du dieses Foto immer bei dir?», fragt Regisseur Ramsay seinen Protagonisten. «Ja», antwortet er. Das Foto zeigt Lanz als kleinen Jungen mit seinem «geliebten» Vater beim Wandern. «Vater fühlte sich am wohlsten in den Bergen.» Als Joke Lanz 13 Jahre alt war, erschoss sich sein Vater auf der Terrasse eines Wohnblockes in Wohlen AG.

Lanz hörte damals den Knall. «Immer wieder komme ich auf diesen Schuss zurück», sagt er. Der Schuss habe sein Leben geprägt. Sein Vater sei psychisch gesund gewesen. Aber das gesellschaftliche Umfeld, die Enge der Familie und der Ehe, der Leistungsdruck der Arbeit hätten seinen Vater überfordert. «Dann: Zack!»

«My Life Is a Gunshot» zeichnet das Leben von Lanz auf einer Entwicklungslinie nach, die wesentlich von diesem initialen Schuss ausgeht. «Ich bin aus dem System ausgestiegen und habe mein eigenes kleines Universum aufgebaut», erzählt er. Seine eigene Noise-Kunst sieht Lanz als einen Akt persönlicher Befreiung. Für ihn ist sie verwandt mit den entfesselten Naturkräften in den Bergen, wo er sich so wohlfühlt, wie es sein Vater tat. «Ein Gewitter in den Bergen, Donner, Blitz, eine Lawine, die runtergeht – das ist Gewalt reduziert aufs Gröbste. Meine Musik ist eigentlich genau dasselbe.»

Diese Musik wird im Film leider nur kurz angeknipst – so kann man sich nur beschränkt ein Bild machen. Aber immerhin, der oft in rasantem Tempo spielende Film zeigt Lanz in Underground-Clubs; zeigt ihn, wie er in Kairo Studierenden einen Workshop gibt, wir begleiten den nomadisierenden Künstler Lanz nach Lausanne, Warschau, London; sehen, wie er mit der New Yorker Avantgarde-Künstlerin Shelley Hirsch auftritt.

Als Performer ist Lanz durchaus «crazy» als ein radikalisierter Iggy Pop mit nacktem, tätowiertem Oberkörper, mit seinen Voice-Attacken durchs Mikrofon, mit seinem «blossoming noise» ab Turntables und Vinyl. Blühender Lärm!

Das muss er nicht ertragen

Die Sounds von Lanz können im Film enorm brachial daherrollen, daherstampfen. Sie widerspiegeln, dass Lanz sich generell vom Ungeschönten angezogen fühlt. Ihn fasziniert etwa die Ehrlichkeit, die Direktheit eines schreienden Babys: dieses gesetzlose, im Grunde nicht stoppbare Schreien eines Kleinkinds – davon lässt sich der Soundkünstler Joke Lanz inspirieren. Nicht umsonst lautet sein Künstlername «Sudden Infant».

Als Performer ist Lanz ein neugieriger Feldforscher in der Welt. Obwohl finanziell immer alles auf der Kippe ist und er ohne alle bürgerliche Sicherheiten lebt, sei er glücklich. «Es hätte ja sein können, dass ich seit 20 Jahren in einem Büro hocke und Akten beige und das Telefon abnehme, und zu Hause hätte ich eine Frau, die unzufrieden ist.» Das alles müsse er nicht ertragen.

Ab 12.12. im Kino.

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