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Auf dem Schlachtfeld der Liebe

Über 60-mal ist «Anna Karenina» schon verfilmt worden. Nun erzählt eine neue Version Tolstois Liebesdrama aus ungewohnter ­Perspektive – und erstmals in hiesigen Kinos auf Russisch.

Die «Gefallene»: Anna Karenina (Jelisaweta Bojarskaja).
Die «Gefallene»: Anna Karenina (Jelisaweta Bojarskaja).
zvg

Dunkel ist die russische Sprache, von harten Akzenten und weichen sch-Lauten durchsetzt. Ähnlich dürfte auf das westliche Kinopublikum die Atmosphäre in den Petersburger Palästen des ausgehenden 19. Jahrhunderts wirken: verführerisch schillernd, aber auch düster und bedrohlich. Für die Innenaufnahmen seines Films hat der russische Altmeister Karen Schachnasarow auf elektrisches Licht verzichtet und die Szenerien mit Kerzen beleuchten lassen. So taucht man mit Anna Karenina, ihrem Gatten Karenin und ihrem Geliebten Graf Wronski ein in eine Welt, in der nichts ist, wie es scheint.

Starke Kontraste

Karenin entdeckt Annas Verhältnis mit dem stürmischen jungen Grafen, verweigert ihr aber die Scheidung, um den Schein seiner eigenen Tugend zu wahren. Für Anna hat das katastrophale Folgen: Sie kann zwar mit Wronski zusammenleben, ihn aber nicht heiraten, womit sie gesellschaftlich vernichtet ist. Zudem verliert sie ihren Sohn Sergei, der beim Vater bleibt und einen wachsenden Hass auf die Frau entwickelt, die ihn verlassen und sich selbst vor den Zug geworfen hat.

Hier setzt der Regisseur an mit der Rahmenhandlung «Wronskis Story» (Untertitel des Films): Dreissig Jahre nach Annas Selbstmord wird Wronski im russisch-japanischen Krieg verwundet; der Arzt im Feldlazarett stellt sich als Annas Sohn Sergei vor. Im winterlichen Grasland Zentralasiens ist das Licht nun gleissend hell – ein wirkungsvoller Kontrast zu den dunklen Szenen, an die Wronski sich erinnert. Er erzählt Sergei von dessen Mutter und davon, dass er in den Augen der Toten nicht Verzweiflung gesehen habe, sondern – Triumph.

Schuld des Geliebten

«Niemand hat je besser über das Verhältnis von Mann und Frau geschrieben als Leo Tolstoi», findet Regisseur Schachnasarow. Er sucht die Schuld an Annas Unglück denn auch im privaten statt im gesellschaftlichen Kontext. Die Szene, in der die gefallene ­Anna sich in die Oper wagt, sagt alles: Graf Wronski steht im Eingang, wo sie sich aufrecht der geballten Verachtung der Petersburger Aristokratie aussetzt, und stellt sich nicht hinter sie, sondern verdrückt sich feige. So outet sich der Kriegsheld, der die Geschichte erzählt, als ein Mann, der nicht nur auf dem Schlachtfeld getötet hat.

«Anna Karenina»: ab Do im Kino.

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