Alte in die Reitschule

Das Kino in der Reitschule beleuchtet mit einer Filmreihe das Thema Alter und Gesellschaft. Der Initiantin Janina Neustupny ist es ein Herzensanliegen – wegen ihrer Grossmutter.

Michel Robins legendäre Töfflifahrt: «Les petites fugues» von Yves Yersin läuft im Programm «Hey Alter». Foto: pd

Michel Robins legendäre Töfflifahrt: «Les petites fugues» von Yves Yersin läuft im Programm «Hey Alter». Foto: pd

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Janina Neustupny will erst mal mit zwei Vorurteilen aufräumen. Erstens: dass die Reitschule nur etwas für die Jungen ist. Zweitens: dass ältere Menschen alle gleich sind.

Sie sitzt in einem Berner Café, packt ein Mäppchen mit Statistiken aus und beginnt umgehend zu referieren. Darüber, dassAltersdiskriminierung in der Schweiz häufiger vorkomme als Rassismus und Sexismus. Das fange schon mit gewissen Er­wartungshaltungen an, sagt sie.

«Hundert Millionen Betreuungsstunden werden von Seniorinnen und Senioren im Rentenalter pro Jahr geleistet, ohne dass sie dafür entschädigt würden. Die Gesellschaft nimmt das einfach als selbstverständlich. Schon das ist eine Diskriminierung.» Darauf hätten ja auch die Aktivistinnen der Grossmütter-Revolution am Frauenstreik vom 14. Juni hingewiesen.

Senioren interessieren sich für die Reitschule

Janina Neustupny gehört zum rund zehnköpfigen Kollektiv, das für die Programmierung des Kinos in der Reitschule zuständig ist. Jeden Monat gibt es ein anderes Schwerpunktthema, so­genannte Zyklen. Im November nun finden an drei Wochenenden Filmabende zum Thema Altersdiskriminierung statt. Und dies in der Reitschule – jetzt nicht auf den ersten Blick ein Ort der Generation Ü-60.

Ein Irrtum, findet Neustupny. «Die Reitschule ist offen für alle.» Dass sich dort nur Junge aufhalten würden, entspreche so gar nicht der Realität. Gerade im Kino sässen viele ältere Menschen, die sich rege an den anschliessenden Diskussionen beteiligten. «Wir haben auch Seniorengruppen, die an Führungen kommen. Da herrscht ein grosses Interesse.»

«Mich stört die allgemeine Meinung, alte Menschen sässen nur in Altersheimen.» Janina Neustupny, Initiantin der Filmreihe «Hey Alter»

Man merkt es Janina Neustup­ny an, dass ihr dieses Thema nahegeht. Das hat vor allem einen Grund: ihre Grossmutter Marguerite Werren-von Gunten. Sie war ihr eine enge Vertraute. Eine wichtige Bezugsperson, gerade auch in der Jugend. Oftmals habe sie mit ihrer Grossmutter besser sprechen können als mit den Eltern, sagt Janina Neustupny.

«Sie war immer für mich da – ganz selbstverständlich.» Vor einigen Jahren erkrankte Marguerite Werren-von Gunten an Demenz. 2017 starb sie. Janina hatte den Kontakt mit ihrer Grossmutter ein Leben lang gepflegt und sie, wie viele weitere Familienangehörige auch, regelmässig in der Demenzklinik besucht.

Nur 16 Prozent der über 80-Jährigen im Altersheim

Dort fiel ihr auf, dass andere es nicht so gut haben. Viele seien ihr vereinsamt, ja gar verlassen vorgekommen, sagt Janina Neustupny. Nach und nach hat sie sich mehr mit dem Thema Alter befasst und bald einmal gemerkt, dass viele Menschen die Betagten als homogene Masse wahrnehmen würden.

«Mich stört zum Beispiel, dass die allgemeine Meinung vorherrscht, alte Menschen sässen nur in Altersheimen», sagt Janina Neustupny. «Dabei sind es bei den über 80-Jährigen gerade mal 16 Prozent. Der Rest lebt zu Hause. Die Gesellschaft denkt, nach 65 gibt es kein Leben mehr.»

Das zeige sich auch daran, wie über sie gesprochen werde: Meist klischeebeladen, sagt Janina Neustupny und bringt Beispiele von strickenden Grossmüttern, Briefmarken sammelnden Opas oder dem Seniorenausflug im Reisebus. «Die Gesellschaft bedient diese Stereotypen. Betagte Menschen werden immer wieder als stur, festgefahren, desinteressiert angeschaut.»

Mit der Filmreihe «Hey Alter» (siehe Box am Textende) will Janina Neustup­ny vor allem eines erreichen: dass man nicht die Generationen voneinander abgekapselt betrachtet. Die ausgewählten Filme sollen den älteren Menschen als Individuum zeigen, gleichzeitig den politischen Aspekt nicht aussen vor lassen. Deshalb gibt es an zwei Wochenenden Dis­kussionsrunden nach der Filmvorführung.

«Für mich persönlich ist dieser Filmzyklus eine Widmung an meine Grossmutter», sagt Janina Neustupny. «Sie war ganz anders. Sie hatte ihre eigenen Ideen und Bedürfnisse. Sie war neugierig und aufgeschlossen. Sie interessierte sich etwa für Edelsteine, besuchte Tanznachmittage und war sehr tierlieb. Mit 80 Jahren hat sie sich noch einmal verliebt!»

Filmreihe «Hey Alter» 1. bis 30.11., Details zu den Filmen:
www.reitschule.ch/reitschule/kino/

https://ibmb.unibas.ch/en/vieux-alt/

http://www.16tage.ch/de/home-16.html

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