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Jüdisches Museum enthüllt Kriegsgeheimnis

Die Sonderausstellung «Pässe, Profiteure, Polizei» zeigt, wie ein Helfernetzwerk zahlreichen Juden zur Flucht verhalf.

Diese Passfotos wurden beschlagnahmt. Alle abgebildeten Menschen haben ihre Pässe nicht erhalten. Dass sie den Holocaust überlebten, ist unwahrscheinlich.
Diese Passfotos wurden beschlagnahmt. Alle abgebildeten Menschen haben ihre Pässe nicht erhalten. Dass sie den Holocaust überlebten, ist unwahrscheinlich.
Schweizerisches Bundesarchiv, Bern

«Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals.» Schreibt Bertolt Brecht 1941 in seinem Werk «Flüchtlingsgespräche» und fährt weiter fort: «Dafür wird er (der Pass) auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.» Damit beschreibt Brecht die Realität vieler Menschen im Zweiten Weltkrieg, deren einziger Ausweg ein ausländischer Pass war.

Ein weiteres Zitat führt auf eine längst vergessene Spur: «Wie gern hätte ich einen paraguayischen Pass», heisst es in Wladyslaw Szlengels Lied «Paszporty», das er 1942 im Warschauer Ghetto verfasst. Dabei handelt es sich nicht um poetische Fiktion, sondern das Lied verweist auf eine historisch nachweisbare Hilfeleistung – aus der Schweiz.

Ein Netzwerk, das half

Für die aktuelle Sonderausstellung «Pässe, Profiteure, Polizei» grub das Team des Jüdischen Museums ein Schweizer Kriegsgeheimnis aus, das damals unter den Teppich gekehrt und schliesslich vergessen wurde. Briefe, Akten und Fotos aus der Kriegszeit erzählen von einem Helfernetzwerk, das Tausenden jüdischen Bürgern lateinamerikanische Pässe ausstellte und ihnen damit die Flucht aus den besetzten Zonen ermöglichte. Als fünf Jahre nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1938 die Grenzen vieler Länder für Juden geschlossen werden, ist die Ausreise ohne offizielle Dokumente kaum noch möglich. In diplomatischen Kreisen verschiedener Schweizer Städte ent­wickelt sich jedoch ein Netzwerk von Helfern,das eng mit der polnischen Botschaft zusammenarbeitet, während Polen zwischen der Sowjetunion und den deutschen Nationalsozialisten geteilt ist. Trotz der reichen historischen Quellenlage, welche fast 10000 Pässe belegt, wurde der Sachbestand bislang nicht erforscht.

Die Ausstellung ist im Erd­geschoss des Museums am Petersgraben in mehrere Stationen aufgeteilt: Die Helfer, die Reise, die Pässe und die Preise werden besprochen.

500 Franken pro Pass

Letztere variierten auffällig stark: Rudolf Hügli, der Honorarkonsul von Paraguay, kassiert in der Regel 500 Franken pro Pass, was damals einem bis zwei Monatslöhnen einer Sekretärin entspricht: «Als die (...) Judenverfolgung im Jahre 1938 in Deutschland kam, wurde mein Bureau förmlich bestürmt von Juden, die anhand eines Visums für die Republik Paraguay hofften, Angehörige (retten) zu ­können.» Hügli war den Behörden aufgefallen. Er wurde überwacht.

Andere Konsuln nehmen 1000 bis 2000 Franken, ein Anwalt in Zürich erhebt sogar Gebühren bis zu 600000 Franken. Letzterer wurde viermal in Anspruch genommen und bezahlt.

Am meisten Pässe stellte allerdings Rudolf Hügli aus, welcher sechs Jahre nach dem Krieg verstarb. Wo das ganze Geld geblieben ist, weiss zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Im Erd­geschoss finden sich einige Originalpässe. Diejenigen, welche die Ausreise nach Paraguay erlaubten, sind – erkennbar an der Handschrift – immer von der gleichen Person ausgestellt worden. Dabei handelt es sich um den polnischen Konsul Konstanty Rokicki.

Leider konnten aber nicht alle Hilfesuchenden gerettet werden: Im Mai 1943 überraschen Polizeibeamte mehrere Helfer mit gleichzeitigen Wohnungsdurchsuchungen in Genf, Lausanne, Montreux und Zürich. Dabei werden Briefe und Passfotos konfisziert, welche nun im ersten Stock der Ausstellung auf einer Wand zu sehen sind. Die abgebildeten Personen haben die Kriegsjahre mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht überlebt.

«Pässe, Profiteure, Polizei. Ein Schweizer Kriegsgeheimnis», eine Zusammenarbeit des Jüdischen Museums der Schweiz mit dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, ist in der Galerie am Petersgraben 31 zu sehen.www.juedisches-museum.ch

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