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Jonathan Franzen gibt den Kampf ums Klima auf

In seinem neuen Essay erläutert der Romancier, wieso die Erde verloren ist – und er doch im Kleinen weiterkämpft.

Martin Ebel
Der Vogelfreund: US-Schriftsteller Jonathan Franzen bei einem Besuch in der Schweiz, 2017. Foto: Samuel Schalch («Tages-Anzeiger»)
Der Vogelfreund: US-Schriftsteller Jonathan Franzen bei einem Besuch in der Schweiz, 2017. Foto: Samuel Schalch («Tages-Anzeiger»)

Vielen Skeptikern haben die verheerenden Brände, die Hilflosigkeit der Feuerwehr in Australien gezeigt, welche Gestalt die Klimakatastrophe annehmen wird. Bei Jonathan Franzen war es ein Waldbrand im ostdeutschen Jüterbog, den er miterlebte. Einmal sah er eine Heidelerche aus der Flammenhölle entkommen; sie musste wohl, vermutet der Vogelfreund Franzen, ihr Nest aufgegeben haben.

Jonathan Franzen ist kein Frischbekehrter. Umweltverschmutzung und Naturzerstörung spielen in seinen Romanen seit langem eine Rolle, seit einiger Zeit auch in kämpferischen Essays und Interviews. Seine jüngste Publikation, im «New Yorker» erschienen, heute auf Deutsch bei Rowohlt, klingt radikaler als alles Bisherige. «Es gibt keine Hoffnung für uns», lautet ein Schlüsselsatz. Wir sollen, so die dramatische Aussage des Titels, aufhören, uns etwas vorzumachen.

Die Klimakatastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, sie wird eintreffen, schneller als gedacht, womöglich wird auch er, Franzen, schon «Zeuge der radikalen Destabilisierung des Lebens auf der Erde werden – massiver Ernteausfälle, apokalyptischer Brände, implodierender Volkswirtschaften, gewaltiger Überschwemmungen, Hunderter Millionen Flüchtlinge aus Gegenden, die unbewohnbar geworden sind».

«Das Spiel ist aus»

Dass Wissenschaftler uns erklären, die Katastrophe sei theoretisch noch aufzuhalten, ist für Franzen Augenwischerei: theoretisch seinetwegen, aber praktisch ausgeschlossen. Die Natur des Menschen und die politischen Verhältnisse machen es unmöglich, den nötigen radikalen Umbau zu vollziehen. Es ist zu spät, «das Spiel ist aus», wie er in dem angehängten Interview mit der «Welt» erklärt.

Was tun, wie ohne Hoffnung leben? Zwei Antworten gibt der Autor. Erstens: Er wisse ja auch, dass er einmal sterben müsse, stehe aber trotzdem jeden Tag auf und versuche, gut und sinnvoll zu leben. Zweitens: Man solle sich vom schon verlorenen grossen Kampf lösen und kleinere Kämpfe zu gewinnen suchen. Also nicht Milliarden in Öko-Grossprojekte stecken, sondern sie zur Bewahrung kleiner Ökosysteme verwenden, ausserdem zur Katastrophenvorsorge, zur Entschädigung überfluteter Länder, zur Bewältigung der kommenden Flüchtlingsströme, zur Bewahrung der Demokratie.

Der Romancier taugt als Ratgeber nicht

Franzens Diagnose ist plausibel, ob die Prognose stimmt, kann erst die Zukunft zeigen. Seine Lösung grenzt aber an Sektiererei. Denn Franzen stört sich daran, dass die Angst ums Klima alle anderen Naturanliegen in den Schatten stellt, etwa die Erhaltung der Artenvielfalt (Stichwort Heidelerche). Er kritisiert also ein Aufmerksamkeitsmonopol und betreibt seinerseits Lobbyismus für «die Natur». Deshalb lehnt er auch Hochgeschwindigkeitszüge und «Solarfarmen auf offenen Landflächen» ab, ja sogar Windräder. Das alles reduziert zwar den CO2-Ausstoss, aber angesichts der unvermeidlichen Katastrophe ist das offenbar egal.

Bei allem Respekt vor dem Romancier: Zum Ratgeber taugt er nicht. Dann doch lieber Martin Luther: einen Apfelbaum pflanzen vor dem Weltuntergang. Kommt er doch nicht, kann man ernten.

Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Ein Essay. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Hamburg 2020. 60 S., ca. 14 Fr.

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