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John le Carré verspottet Trump und den Secret Service

Der Meister des Spionageromans markiert den Europäer: Im Thriller «Federball» rechnet le Carré mit dem Geheimdienst in Zeiten des Brexit ab.

Brexiteers und Trumpisten gehören für ihn in denselben Topf nostalgischer Imperialisten: Altmeister John le Carré. Foto: Christian Charisius
Brexiteers und Trumpisten gehören für ihn in denselben Topf nostalgischer Imperialisten: Altmeister John le Carré. Foto: Christian Charisius

Nat ist kürzlich heimgekehrt. Heim nach London, heim zu einer unabhängigen Frau, heim in den Schoss von MI6, der Mutter aller Geheimdienste. Für einen wie Nat ist das ein zwiespältiges Ereignis. Sicher, er kann endlich wieder in seinem Stammclub in Battersea Badminton spielen. Klar, er vergöttert seine Partnerin Prue, eine Menschenrechtsanwältin, und hat nach allem, was er als Icherzähler in John le Carrés neuem Roman «Federball» verrät, auch jeden Grund dazu.

Es gibt aber für einen ausrangierten Auslandsspion an der Schwelle zum 47. Lebensjahr Bedenklicheres als die Verteidigung seines Vereinsmeistertitels oder die Wiederbelebung seiner Ehe. Zum Beispiel die Frage, ob ihn die HR-Abteilung zur Wiedereingliederung mit einem verhassten Schreibtischjob kaltstellt oder lieber direkt vor die Tür setzt.

Nichts von beidem geschieht. Und das liegt an einem dieser Karrieristen, die sich mit falschem Dauerlächeln und angeheiratetem Tory-Netzwerk im Rücken auf den Machtpositionen im britischen Staatsdienst breitmachen: Dominic Trench hat sich auf der Karriereleiter an Nat vorbeigemogelt. Jetzt braucht er einen Ostblock-erfahrenen Mitstreiter aus alten Tagen, der für ihn im Grossraum London «eine Mülldeponie für umgesiedelte Überläufer» auf Vordermann bringt.

Ein zorniges Spätwerk

Dom hält Nat offenbar für einen Verbündeten. Das enthüllt erstens Doms eklatanten Mangel an Menschenkenntnis. Und zweitens die satirischen Qualitäten, für die sich John le Carrés zorniges Spätwerk zuallererst zu lesen lohnt.

Man muss wissen: Der Meister des politisch avancierten Spionageromans ist jetzt 88 Jahre alt. In einem Alter also, in dem ein Autor der Gegenwart abgeklärt, wenn nicht entrückt begegnen könnte. John le Carré ist anders. Und er ist überzeugter Europäer. Ein Geheimdienst, dessen Bosse in Washington Donald Trumps Vasallen-Klinken putzen, um nach dem Brexit nicht isoliert dazustehen, erntet sein vollstes Misstrauen.

Kaum im neuen Job installiert, spürt Nat bei einem russischen Schläfer einen glühenden Draht nach Moskau auf. Es beginnt eine verdeckte Operation rund um einen potenziellen englischen Geheimnisverräter. Für Nat, dem die Ränke der Geheimdiplomatie nun wirklich nicht neu sind, stellt sich eine Loyalitätsfrage dringlicher denn je: Hinter welcher Maske verbirgt sich der innere Feind wirklich?

«Ich glaube, ihr Briten habt mir eine riesige Wagenladung verlogener Pferdescheisse angedreht», sagt ein ehemaliger russischer Doppelagent.

Über die Betriebsblindheit, die Spiegelfechterei, die Halsabschneidereien der Bürokratengarde in der Londoner MI6-Zentrale giesst le Carré kannenweise Spott. Nats Kontaktleute sind dabei le Carrés Botschafter. Arkady, früherer russischer Doppelagent und heutiger Oligarch, findet die deftigsten Worte.

Trump sei «Putins Latrinenputzer», höhnt er, als ihn Nat in seinem Luxusbunker in den böhmischen Wäldern aufstöbert. «Und ihr Briten, was macht ihr? Ihr lutscht seinen Schwanz und ladet ihn zum Tee bei der Queen ein. Ihr nehmt unser Schwarzgeld und wascht es für uns, ihr heisst uns willkommen, solange wir als Gauner nur gross genug sind, ihr verkauft uns halb London. Ihr ringt die Hände, wenn wir unsere Verräter vergiften, und ihr sagt, bitte, bitte, liebe russische Freunde, treibt Handel mit uns. Habe ich dafür mein Leben riskiert? Ich glaube nicht. Ich glaube, ihr Briten habt mir eine riesige Wagenladung verlogener Pferdescheisse angedreht.»

Dass diese liberalen Internationalisten wie Veteranen klingen, die eher 87 als 47 kalte Kriegerjahre in den Knochen haben, muss man le Carré nicht unbedingt ankreiden. In diesem Milieu, wo es noch nach Wodka und Schwarzbrot riecht, kennt er sich aus. Hier glücken ihm kernige Dialoge. Es gibt aber auch Ed, Nats 25-jährigen Badminton-Widersacher, der das zeitgenössische Deutschland für seine Weltoffenheit anhimmelt. Brexiteers und Trumpisten gehören für ihn in einen Topf: «Beide Gruppen beteten an demselben Schrein einen nostalgischen Imperialismus an.»

Im Schatten bleibt man grau

Bei aller Sympathie, die der Icherzähler wie der Autor für Eds «Deutschlandfieber» hegen, bleibt der junge Trotzkopf eine ungreifbare Figur. Sein Zorn und seine Ideale werden von Nat ausführlich referiert – ausführlicher, als es dem Roman guttäte. Ed selbst belässt John le Carré im Schatten. Doch im Schatten bleibt man grau.

Allzu viel Raffinesse hat le Carré auch für seinen Plot nicht übrig. Als Thriller ist «Federball» durchaus vorhersehbar, in le Carrés Gesamtwerk bestenfalls Durchschnitt – ganz abgesehen vom unsäglich harmlosen deutschen Titel. Im Original heisst der Roman «Agent Running in the Field». Das ist immerhin mehrdeutig und eines Meisters des Spionageromans würdig.

John le Carré: Federball. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein, Berlin 2019. 351 S., ca. 30 Fr.

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