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«Ich kenne keine schwachen Frauen»

Maaza Mengiste ist Writer-in-Residence in Zürich. Die US-äthiopische Autorin interessiert sich für Rebellinnen – und schwarze Modelle weisser Maler.

Martin Ebel
Sie freut sich auf Opernbesuche in Zürich: Gastautorin Maaza Mengiste am Sechseläutenplatz. Foto: Reto Oeschger
Sie freut sich auf Opernbesuche in Zürich: Gastautorin Maaza Mengiste am Sechseläutenplatz. Foto: Reto Oeschger

Lebhaft, lachlustig: So sind die grossen Augen von Maaza Mengiste. In Äthiopien geboren, als Kind mit ihrer Familie aus dem Herrschaftsbereich des «Derg», der Militärjunta, entkommen, über Nigeria und Kenia in die USA übergesiedelt, ist die Autorin jetzt für fünf Monate Writer-in-Residence in Zürich, die 19. in der Reihe des schönen Programms, das Literaturhaus und Stiftung PWG betreuen.

Sie ist Amerikanerin, lebt in New York, aber über Donald Trump wollen wir beide nicht reden, wirklich nicht. Dann doch lieber über ihren anderen Präsidenten, Ministerpräsident Abyi Ahmed, den aktuellen Friedensnobelpreisträger, der den jahrzehntelangen Krieg mit dem Nachbarland Eritrea beendet, politische Gefangene freigelassen und einen Reformprozess angestossen hat, den das Land dringend braucht.

Das Kulturleben in Addis Abeba boomt

Maaza Mengiste ist zuversichtlich und skeptisch zugleich: Vielen gehen die Veränderungen zu schnell, anderen zu langsam; jetzt, da sich der Deckel der Repression hebt, wird deutlich, unter welcher Spannung der Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen 80 Sprachen (oder sind es 200?) steht. Ein Putschversuch und politische Morde in jüngster Zeit zeugen davon. Auf der anderen Seite steht ein kräftiges Wirtschaftswachstum und ein boomendes kulturelles Leben in der Hauptstadt Addis Abeba; es gibt Jazzclubs, Poetry-Slams, eine Fülle neuer literarischer Stimmen. Auch der Tourismus entdeckt das Land mit den uralten Felsenkirchen und der überwältigenden Natur gerade.

Er regierte Äthiopien mehr als vier Jahrzehnte: Kaiser Haile Selassie. Foto: Getty Images
Er regierte Äthiopien mehr als vier Jahrzehnte: Kaiser Haile Selassie. Foto: Getty Images

Ausser Marathonläufern kennt man hierzulande nur einen Äthiopier: Kaiser Haile Selassie, der sein Land 45 Jahre lang regierte und am Schluss so herunterwirtschaftete, dass eine kommunistische Revolution ihn stürzte. In den Kopf des Herrschers hat sich Maaza Mengiste hineingewagt; in einen alten Mann, entmachtet und im Hausarrest im eigenen Palast, dem wenig mehr klar ist. Nur, dass er sterben wird. «Den Kaiser hätte ich nicht gekonnt, den Abgesetzten schon», sagt die Autorin.

Bis heute schillert das Bild der überlangen Herrschaft bei den Äthiopiern zwischen Verklärung und Hass; Haile Selassie stellte sich den italienischen Invasoren entgegen, floh dann aber nach England und liess seine Landsleute allein. Das haben viele nicht vergessen. Die Endphase seiner Herrschaft prägten Hunger, Korruption und die Unterdrückung bestimmter Volksgruppen.

Der rote Terror tötete eine Million Äthiopier

Mit den Eckpunkten der Kaiserzeit befassen sich die beiden Romane von Maaza Mengiste. Der zweite, der noch nicht übersetzte «The Shadow King», mit dem grausamen Kolonialkrieg, den Italien 1935–1941 führte, der erste, «Unter den Augen des Löwen» (2012 auf Deutsch), mit dem Untergang des Kaiserreichs 1975 und dem Beginn der Herrschaft des «Derg», einer Gruppe marxistisch-leninistischer Offiziere.

Diese bauten unter der Führung von Mengistu Haile Mariam eine Einparteiendiktatur auf, verstaatlichten Grundbesitz und Fabriken und entfesselten den «roten Terror», dem nach Schätzungen eine halbe Million Äthiopier zum Opfer fielen. Maaza Mengiste, 1971 geboren, war ein kleines Kind, als die «Derg»-Herrschaft begann, aber sie hat intensive Erinnerungen: Wie Soldaten an die Tür hieben, das Haus nach «Verdächtigen» durchsuchten, wie Verwandte verschwanden. Drei getöteten Onkeln, die im Widerstand waren oder in den Kriegsdienst gezwungen wurden, ist der Roman gewidmet.

Maaza Mengistes Erinnerung ist aber vor allem atmosphärisch: Angst, Sorge, Bedrückung – und dass ihre Eltern all das beschwiegen, abwiegelten, verdrängten, zu ihrem seelischen Schutz. Selbst später, im Ausland, in Sicherheit, noch als sie schon erwachsen war, redete niemand mit ihr darüber.

«Ich sah diese Frauen, die man immer sieht, ohne sie wahrzunehmen, und fragte mich: Wer sind sie?»

Maaza Mengiste

Maaza Mengiste musste das Material für ihren Roman also aus den eigenen kindlichen Eindrücken schöpfen – und einer ausgiebigen Recherchearbeit, die zunehmend auch andere Unterdrückungsregimes mit einbezog. «Mir ging es nicht allein um Äthiopien. Was ich beschreibe, hat sich ähnlich auch anderswo zugetragen und passiert heute noch.» Als Schriftstellerin interessiert sie «menschliches Verhalten unter unmenschlichen Verhältnissen». Der berühmten Bemerkung Jean-Paul Sartres, die deutsche Okkupation Frankreichs sei eine moralisch gute Zeit gewesen, weil es leicht war, sich für das Richtige zu entscheiden, widerspricht sie entschieden: «Der Terror bringt gute Leute dazu, Schlimmes zu tun.»

Wie manche Figuren in ihrem Roman. Andere zerbrechen an Entscheidungen zwischen schrecklich und noch schrecklicher. Der Arzt Hailu soll ein Folteropfer, ein junges Mädchen, wieder so weit gesundpflegen, dass man es weiter ausquetschen kann. Hailu gibt ihr Zyankali – und gerät dann selbst in die Maschinerie des Terrors. Diese Szenen sind eine harte Lektüre; noch viel härter muss es gewesen sein, sie zu schreiben. «Ich habe mir den menschlichen Körper vorgestellt und was man ihm antun kann», erklärt die Autorin ihr Vorgehen.

Eine andere Figur geht in den Widerstand und gefährdet ihre ganze Familie. Moralische Orden werden bei Maaza Mengiste nicht verliehen. Wenn es überhaupt Helden in ihren Romanen gibt, dann sind sie weiblich. «Ich kenne keine schwachen Frauen», sagt sie und kullert etwas provokativ mit den Augen, «nur Umstände, die sie niederhalten.»

In «The Shadow King» erzählt sie von Frauen, die gegen die italienischen Besatzer kämpften, «ein völlig unterbelichtetes Kapitel der Geschichte». In «Unter den Augen des Löwen» wird an eine dieser Kämpferinnen erinnert: Sie hat einen italienischen General erwürgt, während sie Sex mit ihm hatte. Ein historischer Fall? Eine Legende? Maaza Mengiste lacht. Ich darfs mir aussuchen.

Nur die Wanderschuhe hat sie vergessen

In gewissem Sinn ist auch ihr neuer Roman ein Frauenprojekt, an dem sie in Zürich arbeiten will. Es geht um weisse Maler und ihre schwarzen Modelle. «Ich war in Stuttgart in einer Ausstellung und sah diese Bilder, von Otto Dix, George Grosz, Christian Schad. Ich sah diese Frauen, die man immer sieht, ohne sie wahrzunehmen, und fragte mich: Wer sind sie? Wo kamen sie her, was ist aus ihnen geworden?»

Die Writer-in-Residence-Monate passen da gut ins Recherchekonzept; Maaza Mengiste wird in Berlin nach den Frauen hinter den Modellen forschen, aber auch in Davos. Was literarisch aus dem gefundenen Material werden wird? Sie weiss es noch nicht. «Ich habe den Stoff, aber noch nicht die Geschichte», sagt sie und lacht schon wieder. Und als ich meine, das sei ein Roman, den ich gern lesen würde, repliziert sie: «... und ich ihn gern schreiben!»

Zeit genug hat sie hier, und Einsamkeit – ihr Mann ist aus beruflichen Gründen in New York geblieben – sei manchmal ganz gut für Schriftsteller. In Zürich freut sie sich ausserdem auf häufige Opernbesuche und die Natur. Nur die Wanderschuhe hat sie zu Hause vergessen.

Am 30. Januar stellt Maaza Mengiste im Literaturhaus Zürich ihren Roman «Unter den Augen des Löwen» und ihr neues Projekt vor. Ausserdem tritt sie am 23.2. im Rahmen der Tage südafrikanischer Literatur auf.

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