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Warum uns Serien unmündig machen

Fernsehserien scheinen nie zu enden – und das ist ein Problem. Denn sie gewöhnen uns an Erzählungen ohne Abschluss und Konsequenzen.

Serien setzen darauf, dass wir in einen Zustand geraten, für den gern der Begriff «süchtig» verwendet wird: Haus des Geldes. Foto:iStock
Serien setzen darauf, dass wir in einen Zustand geraten, für den gern der Begriff «süchtig» verwendet wird: Haus des Geldes. Foto:iStock

Viel ist in den vergangenen Jahren von den grossen Erzählungen die Rede gewesen. Den sogenannten Narrativen, die unser Leben prägen – etwa dem Narrativ der überlegenen kolonialen Mächte, dem Narrativ vom Patriarchat und davon, dass wir uns von ihnen lösen müssen, um zu uns selbst zu kommen.

Der aufgeklärte liberale Mensch ist also skeptisch gegenüber den grossen Erzählungen und sorgt dafür, dass auch seine Kinder zur Skepsis erzogen werden. So werden beispielsweise heutzutage im Schulunterricht im Fach Geschichte viel mehr Quellen im Hinblick auf ihre eigene Verfasstheit und ideologischen Inhalt hin untersucht als historische Fakten präsentiert.

Die grossen Erzählungen sind erfolgreich zurückgedrängt worden oder haben es zumindest bedeutsam schwieriger. Allerdings ist das nicht unproblematisch. Der Mensch als Homo narrativus kommt schwerlich ohne Erzählungen aus. Er hungert förmlich danach. Geschichten zu erzählen und zu hören, aus ihnen zu lernen, ist dem Menschen seit Anbeginn ein soziales, ein psychologisches Bedürfnis. Wer also glaubt, dass wir uns nicht nur im postfaktischen, sondern auch im postnarrativen Zeitalter befinden, irrt. Erzählungen sind nicht nur nach wie vor hoch im Kurs, sondern, man kann fast sagen, noch beliebter als je zuvor. Geschichten begegnen uns und der jungen Generation zwar immer weniger in Büchern und auch immer weniger in Kinofilmen, dafür umso mehr im Internet, im Streamingangebot von Amazon und Netflix.

Diese haben in den vergangenen Jahren eine ganz spezifische Form angenommen – und zwar die der Serie. Gewiss, aufeinanderfolgende Geschichten gibt es nicht erst seit Netflix: Romane in Fortsetzungsform waren schon im 19. Jahrhunderts ein Kassenschlager. Aber dass Serien die Massenkultur derart dominieren, ist nun doch ein spezifisches Phänomen des 21. Jahrhunderts. Seriöse Regisseure, seriöse Schauspieler – sie alle setzen auf Serien. Und das aus dem einfachen Grund, dass dort das meiste Geld und der meiste Erfolg liegen. Postmoderne Kritiker können jubeln.

Gut und böse zugleich

Endlich eine Ästhetik, welche die geschlossene, vermeintlich bürgerliche geschlossene Erzählform, die den marxistischen Kritikern schon immer ein Dorn im Auge war, sprengt und dafür eine neue, multiperspektivische, superdemokratische kreiert. Ganze Horden von Universitätsdozenten stürzen sich nun auf die intellektuelle Aufarbeitung populärer Serien, was nicht nur volle Seminarsäale garantiert, sondern auch noch den Spassfaktor erhöht. Dabei erreicht die Begeisterung für die Serie und das serielle Erzählen ein Level, dass Filmwissenschaftler wie Georg Seesslen und Markus Metz in ihr den Ausdruck einer neuen fatalistischen Metaphysik erkennen: Wie die Helden in einer Serie oft immer auch gut und böse zugleich sind, sind auch wir gleichzeitig gut und böse, und so wie die Geschehnisse in der Serie nicht so bleiben, wie sie sind, bleibt auch die Welt nie so, wie sie ist. Endlich eine Erzählform, die das wahrhaft Menschliche wirklich abbildet!

Dieses Nicht-aufhören-Können erinnert an kleine Kinder, die zur Schlafenszeit die Eltern anbetteln

Nathalie Weidenfeld

Bei aller Begeisterung für diese vermeintlich neue subversive und kreative Form wird allerdings das wichtigste und zentralste Merkmal der Serie übersehen: Serien setzen darauf, dass der Zuschauer in einen Zustand gerät, für den gern der Begriff «süchtig» verwendet wird. Und zwar dadurch, dass Serien die Zuschauer atemlos und gespannt halten mit ihren spannungsgeladenen Episoden-Enden, mit den offenen Fragen - und sie damit in einem Zustand der regressiven Wunscherfüllungssehnsucht verharren lassen. Dass der Konsum von Serien rauschhafte Züge annehmen kann, wird niemand leugnen. Nicht nur Menschen, die sich als «Serienjunkies» bekennen, verkünden heute geradezu stolz, sich am Abend vier Folgen aus der dritten Staffel von «Game of Thrones» hintereinander reingezogen zu haben.

Dieses Nicht-aufhören-Können erinnert an kleine Kinder, die zur Schlafenszeit ihre Eltern anbetteln, noch ein und noch ein und noch ein Kapitel des Buches zu lesen, nur mit dem Unterschied, dass Netflix nicht lange angebettelt werden muss; und wem es nicht schnell genug geht, der kann gleich das Intro überspringen. Wer will schon das Ende haben, wenn man Spass hat? Vom Medienforscher Guido Zurstiege stammt der schöne Satz: «Wir haben den Kindern das Ende abgewöhnt.» Dem möchte man hinzufügen: Wir haben uns allen das Ende abgewöhnt. Keine Angst, Kinder, sagt die Serie. Mama wird nicht aufhören, euch was vorzulesen. Eure Lieblingshelden werden nicht sterben (es sei denn, sie treten in «Game of Thrones» auf), sie werden immer weiter kämpfen, immer weiter gewinnen und immer weiter verlieren. Es gibt kein Ende, nur immer eine neue Staffeln hinter dem immer nächsten Klick.

Wunsch nach Geschlossenheit

Warum die grossen Internetfirmen diese nicht enden wollende Ästhetik benutzen, hat einen handfesten Grund: In unserer auf steten Begehrlichkeiten basierenden kapitalistischen Ökonomie ist Regressivität der Nährboden des Konsums. Dass Erwachsene in psychologischer Hinsicht infantil gehalten werden, ist ökonomisch gesehen von enormem Vorteil: So entsteht nicht nur das Begehren nach einem Produkt, sondern dieses Produkt kann praktischerweise auch für alle Altersstufen hergestellt werden («all age products»).

Das Perfide an den nicht enden wollenden Serien aber ist das: Sie werden insgeheim von dem Wunsch nach Abschluss bestimmt. Wie das Kind ahnt, dass es eines Tages erwachsen werden wird, wird auch der Serienjunkie von der Sehnsucht nach (und der Angst vor) dem Ende getragen. Wir können nichts dafür: Der Mensch sehnt sich heute wie vor 2000 Jahren nach Geschlossenheit, der verlässlichen Struktur aus einem Anfang, einer Mitte und einem Schluss. Das hat nichts mit Konservatismus oder Borniertheit zu tun, sondern mit der natürlichen Struktur aller Erzählungen. Ist es ein Zufall, dass auch das Leben nach einer Dreiteilung funktioniert: die Kindheit, die Erwachsenenzeit und das Alter?

Es gehört zu den schmerzhaften Erkenntnissen des Erwachsenwerdens, dass man nicht alles haben kann. Weil man sich entscheiden muss und es Abschiede gibt, die für immer sind. Die Serialitätskultur behauptet aber implizit das Gegenteil. Das Fatale daran ist, dass sich Serialitätsästhetik und Serialitätsglaube längst auch in politischer Hinsicht ausgebreitet haben: Mit Unterstützung der Medien wohnen wir täglich bei, wie Politstars sich den Serienhelden ähnlich immer wieder im Kreis drehen. Ist der Brexit nicht auch längst zu einer Netflix-Serie geworden? Von den diversen Klimagipfeln ganz zu schweigen.

Die wichtigen Themen der Menschheit – wie Ökologie, Digitalisierung, Migration – benötigen aber keine Serienästhetik und Serienpolitik, sie verlangen nach verantwortungsvollen Entscheidungen und nach konsequentem Handeln. Dinge müssen angegangen und erledigt werden, es nützt nichts, immer nur davon zu reden, dass das Klima geschützt werden muss, das Internet besser geregelt und eine Lösung für die globale Migration gefunden werden muss. Diese Dramen müssen zu Ende gebracht werden. Dass grosse Erzählungen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben, macht sie per se weder gut noch böse. Es kommt darauf an, wie realistisch und ethisch sie sind.

Nathalie Weidenfeld ist promovierte Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin. Sie schrieb «Das Drama der Identität im Film» und mit Julian Nida-Rümelin «Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz».

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