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Lustige Kreaturen der Nacht

Kiss ist eine Weltmarke des Rock 'n' Roll. Am Mittwochabend führte die maskierte Band ihre herrlich anachronistische Show im Hallenstadion auf.

Es gab eine Zeit in der über vierzigjährigen Karriere von Kiss, in der die vier Charaktere dieser Band keine fantastischen Rock-'n'-Roll-Wesen mehr sein wollten. Es war die Zeit der Neunzigerjahre, als sie sich ihrer Schminkmasken entledigten, ein «MTV Unplugged»-Konzert spielten und mit dieser Demaskierung kurzzeitig alles verrieten, was ihre Band zur Weltmarke machte. Eine Weltmarke, die im Herbst 2014 in die Rock 'n' Roll Hall of Fame aufgenommen wurde und zu der neben zahllosen Merchandise-Artikeln mittlerweile auch das Indoor-Profifootballteam LA Kiss gehört.

Am Mittwochabend wurden die bloss 7000 Zuschauer im Hallenstadion nur kurz an die trüben maskenlosen Zeiten erinnert, als während des wunderbar selbstironischen Bandschlagers «Do You Love Me» auf der Videowand die Geschichte dieser Rock-'n'-Roll-Institution im Bildschnelldurchlauf erzählt wurde: die Anfänge in New York, die goldenen Jahre mitsamt den bahnbrechenden Pyroshows, den Groupies und dem Privatjet mit dem Kiss-Schriftzug – und nach den ungeschminkten Jahren glücklicherweise der Weg zurück zum tollen Mummenschanz der klassischen Bandvergangenheit, der anlässlich der «40th Anniversary Tour» ganz gegenwärtig in Zürich-Oerlikon einen Halt einlegte.

Eingespieltes Ritual

Denn wahrscheinlich gibt es in der Welt des Stadionrocks noch immer keine lustigeren Konzerte als die Shows von Paul Stanley und Gene Simmons und den beiden neueren Mitgliedern Tommy Thayer und Eric Singer am Schlagzeug, die sich dank ihren Masken und Kostümen in die Comichelden und Actionfiguren The Starchild, The Demon, The Spaceman und The Catman verwandeln. Im Hallenstadion erscheinen diese Kreaturen der Nacht als alt gewordene Helden, die mit ihren klobigen Glanz-Hochplateauschuhen herrlich komisch auf der Bühne herumstolzieren, sich mit diesen grotesken Anzügen in alle erdenkbaren Rockposen werfen, viel knallendes Feuerwerk zünden und auch zeitlose Songs im Gepäck haben, die zur Blaupause für den Hair-Metal der Achtziger wurden. Es sind Songs wie «Detroit Rock City», der das Konzert eröffnet, Melodien wie das unvermeidliche «I Was Made for Lovin' You» oder das mitgrölende «I Love It Loud», die wie eh und je klingen.

Natürlich ist hier alles eingespieltes Ritual – mehr noch als bei vergleichbaren Rockunternehmungen: die Ansage «You wanted the best, you got the best. The hottest band in the world» ganz zu Beginn des knapp zweistündigen Auftritts, die Feuerspuckeinlage des Bassisten und Sängers Gene Simmons, die Arschwackler und Tanzschritte seines Komplizen Paul Stanley, die funkensprühende Sologitarre von Tommy Thayer bis hin zu den B-Movie-haften Flügen, die die beiden Urmitglieder Simmons und Stanley unternehmen. Das ist unschuldige und herrlich anachronistische Unterhaltung zu durchaus auch sehr dumpfem Hardrock. Aber es ist nun mal so: Kiss, das bedeutet auch im Jahr 2015 Entertainment, das dem heiligen Ernst und der heiligen Echtheit des landläufigen Rockhelden mit Schminke und ganz zum Schluss, während des Rausschmeissers «Rock and Roll All Nite», mit weissem Konfettiregen und Papiergirlanden begegnet. Was für ein schöner Zirkus.

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