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Die schöne Gestalt der Gewalt

Zelebriert die Erfolgsserie «Game of Thrones» unnötige Gewalt? Mit Verlaub: Das ist Unsinn.

Zu brutal? Umstrittene Szenen in «Game of Thrones» und «The Walking Dead».

Geköpfte Ritter, gehäutete Zofen, verkrüppelte Kinder. Gewalt gehört in «Game of Thrones» seit Jahren zum Standardprogramm. Angesiedelt in einem fiktiven Mittelalter, erzählt die Erfolgsserie von Krieg, Politik und Moral. Jeder kann im Machtspiel rausfliegen oder weiterkommen. Egal ob er gut oder böse ist, stark oder schwach.

Für einige Zuschauer ist jetzt die Grenze des Zumutbaren erreicht. In der letzten Folge, die am Montagabend auch in der Schweiz ausgestrahlt wurde, verbrannten Eltern ihre Tochter bei lebendigem Leib. Noch mehr Anstoss erregte vor zwei Wochen eine Szene, in der eine junge Frau zwangsverheiratet und in der Hochzeitsnacht vergewaltigt wurde.

Weltweit ist unter Fans und Journalisten eine Diskussion entbrannt, ob die Darstellung von Gewalt in «Game of Thrones» zu weit geht. Kritiker stören sich vor allem an der Beiläufigkeit der Gewaltakte, die zu einem Hintergrundrauschen verkämen: Gewalt als Selbstzweck. Die Serie, die weltweit von über 100 Millionen Zuschauern verfolgt wird, sei Teil des Mainstreams geworden und müsse einer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden.

Sexuelle Selbstermächtigung und Rache

Doch wer Krieg und Macht darstellen möchte, kommt kaum daran vorbei, auch Gewalt zu zeigen. Zwar funktioniert auch «Game of Thrones» – wie die meisten Werke seriellen Erzählens – nach dem Prinzip der Eskalation: Die Übeltaten werden immer schlimmer, der Sex immer wilder. Ob Gewalt und insbesondere Vergewaltigung in einem Film gerechtfertigt sind, hängt aber stets von der Inszenierung und deren Wirkung ab. Werden sadistische oder erotische Bedürfnisse der Filmemacher und Zuschauer befriedigt? Wird gar der amerikanischen «Rape Culture» gehuldigt, in der die Opfer an ihrer misslichen Lage vermeintlich selber schuld sind? Auf der anderen Seite gibt es mit den Rape-and-Revenge-Filmen ein ganzes Genre, das den Missbrauch als Auftakt für sexuelle Selbstermächtigung und Rache einsetzt. Andere Filme zeigen Gewalt, um danach ausdrücklich Position dagegen zu beziehen.

Natürlich sind viele Szenen in «Game of Thrones» deftig, die Protagonisten töten und verlustieren sich. Es wird allerdings auch viel geredet, für manche Fans zu viel. Vor allem aber sind just die umstrittenen Szenen weniger gewalttätig, als es die Debatte vermuten liesse. Die Regie ist sich ihrer Brisanz bewusst und behandelt sie anders. Der Zuschauer sieht nicht genau, was passiert, gezeigt werden stattdessen die entsetzten Gesichter der Beobachter. Es ist ein alter und bewährter Trick: ein Ereignis nicht zu zeigen und durch den Verzicht die Fantasie des Publikums anzuregen. Nicht dass die Szenen so weniger beklemmend wären. Doch von «Folter-Porno» kann keine Rede sein.

Griechische Mythologie

Ungleich vielen Mainstream-Thrillern, die Gewalt ohne Motiv zelebrieren, sind die umstrittenen Szenen zudem mit den verzwickten Handlungssträngen und den finsteren Beweggründen der Protagonisten verbunden. So wird das Mädchen von ihren ultrareligiösen königlichen Eltern als Opfer für einen Gott verbrannt, eine Referenz an König Agamemnon, der in der griechischen Mythologie seine Tochter Iphigenie einer Göttin zur Sühne opfern wollte. Am Ende opferte er – je nach überlieferter Version – eine Hirschkuh. Eine solche tauchte auch vor der Hinrichtung in «Game of Thrones» auf. Ein Wink der Showmacher an ihre Kritiker: Lest zuerst die Klassiker, bevor ihr die Moralkeule schwingt.

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