Linas liederlicher Lebenswandel

Authentisch und aufwühlend: «Lina» mit Rabea Egg erzählt vom Schicksal einer administrativ versorgten 17-Jährigen in den 1960er-Jahren.

Psychisch und physisch am Ende: Lina (Rabea Egg) ist eine administrativ Versorgte. Im Gefängnis merkt die 17-Jährige, dass sie schwanger ist.

Psychisch und physisch am Ende: Lina (Rabea Egg) ist eine administrativ Versorgte. Im Gefängnis merkt die 17-Jährige, dass sie schwanger ist. Bild: zvg/SRF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieser fürchterliche Anzug. Diese hässliche Brille. Diese bünzlige Krawatte. Diese eklige Halbglatze. Und dann, vor allem: dieser stechende Blick. Diese abartigen Floskeln, die ihm förmlich aus dem Mund quellen. Dieses übel zur Schau gestellte Machtbewusstsein.

Ja, Gemeinderat Fruttiger (Ingo Ospelt) ist die Verkörperung von Bürokratie, das personifizierte Böse könnte man sogar sagen. Dieser Mann ist es, der eine «gründliche Nacherziehung» für die 17-jährige Lina ­(Rabea Egg) anordnet, in einem Heim. «Dort», sagt er, «hast du die Möglichkeit, dich auf ein anständiges Leben vorzubereiten.»

Ein anständiges Leben? Das hatte Lina im neuen Film von Michael Schaerer (Regie) und Jan Poldervaart (Drehbuch) eigentlich auch bis zur Anordnung des Gemeinderats geführt, zumindest aus heutiger Sicht. Damals, in den späten 1960er-Jahren aber, in denen «Lina» spielt, reichen Zufälle, damit der Staat ein Leben zerstören kann.

Schwanger im Heim

Lina zum Beispiel hat das Pech, einen Vater ohne regelmässiges Einkommen zu haben, der ab und zu betrunken in der Dorfbeiz herumlallt. Sie hat das Pech, einen Freund namens Julian (Flurin Giger) zu haben, mit dem sie eine Nacht lang in einer Hippiekommune in Zürich durchfeiert.

Und sie hat das Pech, einen Chef zu haben, der im Dorf Unwahrheiten über sie erzählt. Das reicht für die Heimeinweisung. Als sie mit ihrem Freund von dort abhaut, wird sie von der Polizei verhaftet und für ein Jahr ins Frauen­gefängnis Hindelbank gesteckt, mit Mörderinnen und anderen Schwerverbrecherinnen Tür an Tür.

Irgendwann merkt Lina, dass sie schwanger ist. Das Kind ist in der letzten Nacht in Freiheit entstanden, Vater Julian wird nie darüber informiert. Lina wird so lange psychisch und physisch gedemütigt, bis sie einwilligt, ihr ungeborenes Kind zur Adoption freizugeben. Kurz nach der Geburt wird sie entlassen, als gebrochene Frau.

Lina ist eine administrativ Versorgte. Diese öffentlich-rechtliche Zwangsmassnahme wurde in der Schweiz erst vor 35 Jahren abgeschafft – weil sie gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstösst.

Tausende junger Frauen und Männer wurden zwischen 1942 und 1981 aus Gründen wie «liederlichem Lebenswandel», «Vaganterei» und ähnlichem Nonsens eingesperrt und fertiggemacht. Erst 2010 entschuldigte sich der Bundesrat öffentlich bei den Betroffenen für das erlittene Unrecht. 2014 trat das Bundesgesetz zur Rehabilitierung der administrativ Versorgten in Kraft.

Beklemmende Begegnung

Der Film, der auf realen Schick­salen beruht, greift dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte aus dem Heute auf. Lina lebt mittlerweile zurückgezogen auf einem Pferdegestüt im Jura, wo sie ihr damals im Gefängnis geborener Sohn Daniel (Fabian Krüger) zum ersten Mal besucht. Nach einigem Hin und Her kann die mittlerweile über 60-jährige Lina (Elisabeth Niederer) ihm und dessen Tochter Valerie (Luna Wedler) ihre ganze Geschichte erzählen.

Der Film springt fortan zwischen dem Jetzt und dem Damals hin und her. Kann das gut gehen? Ja, sehr. Schon die erste Begegnung zwischen Daniel und Lina in der Gegenwart ist einigermassen beklemmend. Und sobald man als Zuschauer eintaucht in eine Zeit, in der junge Frauen mit Rundhosen und bauchfreien Oberteilen herumrennen und behutete Staatschutzspitzel aus dem parkierten Auto heraus Hippiekommunen überwachen, wird es spannend, dramatisch, manchmal schmerzhaft aufwühlend, aber zum Glück nie kitschig.

Das liegt zum grössten Teil an der erst 17-jährigen Rabea Egg, die für ihre Darstellung der jungen Lina an den diesjährigen Solothurner Filmtagen zu Recht den Fernsehfilmpreis gewonnen hat. Der «neue Stern am Schweizer Filmhimmel» («Blick») aus Bülach versetzt sich mit Leichtigkeit in eine Epoche, die sie nur vom Hörensagen kennen kann. Egg, und das ist ihr besonders hoch anzurechnen, überzeichnet die Figur nie – selbst bei den schlimmsten Demütigungen, die diese erleiden muss. Und sie meistert sogar die anspruchsvolle Geburtsszene herausragend.

«Lina»: So, 21. Februar, 20.05 Uhr, SRF 1. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.02.2016, 11:41 Uhr

Artikel zum Thema

Das sind die Gewinner der Filmtage

Der Hauptpreis in Solothurn geht an einen Dokfilm: «Das Leben drehen». Den Publikumspreis bekam «Lina». Mehr...

Newsletter

Immer die Region zuerst. Am Wochenende.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende.
Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Langenthaler Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Lange Nase: Tänzer zeigen eine Episode ihres Stücks vor dem Opernhaus in Sydney. (22. August)
(Bild: EPA/DAVID MOIR ) Mehr...