Wie sieht eine Welt ohne uns aus?

Ausser Katastrophen kommt uns wenig in den Sinn, wenn wir vom Klimawandel sprechen. Dabei bräuchten wir gerade jetzt neue Erzählungen darüber. 

Der Eisbär ist ein beliebtes Sujet an Klimademos. Foto: Florian Bärtschiger

Der Eisbär ist ein beliebtes Sujet an Klimademos. Foto: Florian Bärtschiger

Pascal Blum@pascabl

Eine Welt ohne uns – kann man sich das überhaupt vorstellen? Schon jetzt wirkt vieles seltsam, was da draussen geschieht; plötzliche Überschwemmungen, heftige Stürme, es hört nicht auf mit den bizarren Vorfällen in der Atmosphäre. Gerade sieht es so aus, als würden wir uns selber hinwegfegen mit dem ganzen CO2: Wir sind auf direktem Weg zur menschlichen Selbstausrottung, und was folgt auf das Ende der Spezies? Es kann nur die Postapokalypse sein, wo Hirsche über Highways trotten und Fabriken im Gestrüpp versinken.

Allerdings ist es gar nicht so einfach, sich eine Zukunft vorzustellen, in der wir selber nicht mehr vorkommen. Man kann in dieser Situation ja nicht von einer Erfahrung der Welt ausgehen, schliesslich existiert die Wahrnehmungsmaschine Mensch nicht mehr. Man könnte dieses Problem nun einfach der Erkenntnistheorie überlassen, nur hat es einiges mit der aktuellen Krisenlage zu tun.

Um den Klimawandel zu beschreiben, gewinnen die Forscher der Erde Daten ab: Sie werten die Temperaturkurven über Jahrzehnte aus oder vermessen den ökologischen Fussabdruck. So schaffen wir uns einen Begriff von den Entwicklungen, und trotzdem kommt uns die Erde sehr fremd vor angesichts der merkwürdigen klimatischen Vorfälle, die sich auf ihr abspielen. Wenn mal wieder ein halber Berg runterkommt – wirkt da die Natur nicht wie eine fast okkulte Sphäre, die nur noch aus Geröll und Dunst, aus Sturzbächen und Schlamm zu bestehen scheint? Sich die Welt als so menschenfeindlich vorzustellen, ist dann doch eine sehr viel beängstigendere Vision als die überwucherten Idyllen aus dem postapokalyptischen Kino.

Der US-amerikanische Philosoph Eugene Thacker hält das Gedankenexperiment in seinem bald auf Deutsch erscheinenden Buch «Im Staub des Planeten» sogar für eine ausgemachte Horrorgeschichte: Die Welt ohne uns ist ein Abgrund, als völlig entvölkerte Erde erscheint sie uns wie ein zutiefst anonymes Schreckgespenst. Wer will sich so etwas ausmalen?

In Form eines Weckers

Die Klimakrise ist so gesehen auch eine Krise der Fantasie. Wir können uns vielleicht noch ein Bild machen von schmelzenden Gletschern, aber auch das nur im Zeitraffer. Für den tiefgreifenden Vorgang einer klimatischen Veränderung des Planeten aber fehlen uns die bildhaften Vorstellungen.

Im Katastrophenfilm «The Day After Tomorrow» wird wegen des Klimawandels der Zyklus der Meeresströmungen unterbrochen, weshalb der Nordatlantik abrupt abkühlt und es zu gewaltigen Stürmen kommt. Bild: Keystone.

Steile These? Man kann sie an den Klimastreiks in der Schweiz einfach überprüfen, sicher auch gerade heute wieder an den weltweiten Demonstrationen. Wo man sich umschaut, zeichnen die Teilnehmenden wissenschaftliche Visualisierungen wie Zeitstrahlen oder statistische Kurven auf ihre Plakate. Sonst sieht man immer viele Pinguine und Eisbären, und dann natürlich überall das Motiv des Planeten Erde. Entweder ist er im Eimer, oder er brennt, oder er schmilzt, oder er hat die Form eines Weckers angenommen.

Ein reichhaltiges Bildarchiv kann man diese Auswahl nicht nennen, und so schreiben manche auch einfach nur aufs Plakat: «The planet is hotter than my boyfriend.»

Hollywoods Bildbestände

Eine starke Metapher für den Wandel gibt es, sie wird derzeit auch in den Kulturwissenschaften breit diskutiert: das Anthropozän. Es ist der neu vorgeschlagene Begriff für das erdgeschichtliche Zeitalter, in dem der Mensch auf geologische und klimatische Abläufe einwirkt. Sozusagen der Mensch als Naturgewalt – definiert durch das, was er zerstört.

Ob man das Anthropozän wegen der Umweltverschmutzung durch Konzerne nicht viel eher als «Kapitalozän» bezeichnen müsste, darüber wird gegenwärtig genauso gestritten wie über die Frage, inwiefern sich die Trennung von Natur und Kultur in der neuen Epoche aufzulösen beginnt. Dass der Mensch im Anthropozän als geologische Kraft erscheint – das ist aber nicht zuletzt ein prägnantes Bild.

Die Kalender von Erdgeschichte und Menschheitsgeschichte sind jetzt synchronisiert, und wenn man es sich so veranschaulicht, erhält man vielleicht eine Vorstellung von den gewaltigen Ausmassen der aktuellen Veränderung – und kann die Zerstörung bis an ihr Ende denken, bis zu dem Punkt, an dem der Mensch seine eigene Lebensgrundlage vernichtet hat.

Angenommen, es würden sich mehr Imaginationen des Klimawandels verbreiten, dann könnte das auch dazu beitragen,dass mehr geschieht, um die CO2-Werte zu senken. Das Problem des Bildermangels betrifft auch das Kino und die Literatur.

Der Planet schmilzt: Klimastreik am 15. März in Bern. Bild: Raphael Moser.

Der Katastrophenfilm – wie Roland Emmerichs «The Day After Tomorrow» (2004) – geht zwar von plausiblen wissenschaftlichen Annahmen aus, braucht aber den abrupten atmosphärischen Umschwung, damit er ein endzeitliches Szenario wachrufen kann. Ein überflutetes New York – solche Bildbestände aus dem Hollywoodkino sind uns mittlerweile vertraut.

Der Roman schirmt ab

Aber das sei eben noch kein Bild für den Klimawandel, sagt Fritz Gutbrodt, Titularprofessor für englische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Er veranstaltet derzeit ein Seminar zu «Climate Change Narratives» und sagt: «Was Naturkatastrophen angeht, hat die Literatur seit der Erzählung der Sintflut ein grosses Repertoire angelegt. Aber das stellt für sich allein genommen noch keinen Klimawandel dar.»

Der Klimawandel sei genauso ein globales Phänomen wie die Schwierigkeit, ihn uns adäquat vorzustellen, sagt Gutbrodt. Auch hinsichtlich der Literatur gibt es eine Theorie, weshalb uns Erzählungen von klimatischen Veränderungen fehlen: Im 19. Jahrhundert hat der realistische Roman unwahrscheinliche Phänomene immer mehr in den Hintergrund geschoben und stattdessen damit begonnen, das Alltägliche akribisch zu erfassen.

So habe der Roman minutiös seine eigene Welt eingerichtet und sich sozusagen vom Klima der Aussenwelt unabhängig gemacht, sagt Gutbrodt. «Das heisst: Der Roman ist eine Kunstform, die die Lesenden tatsächlich abschirmen kann.»

In den 70er-Jahren seien dann alternative Lebensformen in utopischen Romanen Themen geworden, aber der Klimawandel sei noch kaum vorgekommen. Dieses Thema hätten Science-Fiction-Schriftsteller erst später in ihre Bücher eingearbeitet. Aber selbst dort, wo es konkret um die Folgen der Erderwärmung geht, stellten ihre Romane fremde Welten dar.

Sie werden noch immer so wahrgenommen, als würden sie von Dingen handeln, die auf anderen Planeten passieren – aber sicher nicht auf unserem. Dabei sind die ungewöhnlichen Vorfälle der klimatischen Art längst Teil unserer Welt. Nur die Bilder dazu sind es noch nicht.

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