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Miss Winehouse und wir alle

Güzin Kar missfällt, dass Filmen zusehends die Rolle des sozialen Korrektivs zugeschrieben wird.

In «Amy – The Girl Behind the Name» gibt es gegen Ende eine Szene, als Amy Winehouse, wie ein Zootier auf der Bühne stehend, das Publikum anstarrt, stumm, halb amüsiert. «Sing, oder ich will mein Geld zurück», schreit einer hoch, sie bleibt stumm. Der Tanzbär, der nicht mehr tanzt. Wir alle haben diese Szene schon einmal erlebt, damals, als sie in der Presse und im Fernsehen breitgetreten wurde. Wir haben uns für Amy geschämt, haben den Kopf geschüttelt und sie peinlich gefunden mit ihren Steckenbeinchen.

Im Film ist sie wieder da, die Sängerin mit der göttlichen Stimme, als wäre sie nie aus dem Leben und aus den Boulevardspalten verschwunden. Die Meinungen über den Film gehen selbstredend auseinander, es wird hier gelobt, dort bemängelt. Ist das nicht zu viel an Voyeurismus? Wieso kommen die Männer, die sie verdarben, zu gut weg? Weshalb macht «Amy» aus einer starken Musikerin eine schwache Frau? In dieser Kritik kommt etwas zum Ausdruck, das zurzeit weit verbreitet ist und den Anspruch entlarvt, der ans Kino gerichtet wird: Filmen wird zusehends die Rolle des sozialen Korrektivs, des Geraderückers eines gesellschaftlichen Missstandes zugeschrieben. Der künstlerische Ausdruck soll einem politischen weichen, als seien Appelle und Beschwörungen wichtiger als Erzählungen.

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