Zum Hauptinhalt springen

Liebe als neurotischer Tanz

Die israelische Kompagnie L-E-V zeigte in Bern einen hypnotischen Reigen um Anziehung, Ablehnung und Sehnsucht.

Stark: Tanzgruppe L-E-V.
Stark: Tanzgruppe L-E-V.
PD

Es ist dunkel im Raum, bis der Vorhang sich lichtet und den Blick auf eine Tänzerin in einem Lichtkegel gewährt. Man hört das Ticken einer Uhr, ein nervöses Ticktack. Die Tänzerin erinnert mit ihren ausgebreiteten Armen an eine moderne Version des sterbenden Schwans. Doch statt Spitzenschuhe trägt sie Socken. Sie schleift sich über den Boden und geht schliesslich auf Zehenspitzen, ihren durchtrainierten Körper so verrenkend, dass es beim Zuschauen fast schmerzt. So der Auftakt zum Stück «OCD Love» der israelischen Kompagnie L-E-V, das als Schweizer Premiere im Rahmen des Festivals Tanz in Bern in der Dampfzentrale aufgeführt wurde.

Hinter L-E-V stehen die Tänzerin Sharon Eyal und ihr Mann, der Multimedia-Event-Designer Gai Behar. Die beiden arbeiten seit 2006 zusammen. Nebst expressiven Tänzerinnen und Tänzern verfügt die Truppe auch über eine musikalische Geheimwaffe: DJ Ori Lichtik, der live die Technobeats zum Tanz mixt, zeigt sich dem Publikum bis zum Schluss nicht, sorgt aber hinter den Kulissen mit leisen Tönen und fulminanten Beats für starke Bühnenmomente.

Lichtik gehört zu den Technopionieren Israels. In seiner Zusammenarbeit mit L-E-V hat er Rave-Kultur in den zeitgenössischen Tanz integriert. Bei «OCD Love» wirkt Ori Lichtiks Beat wie eine Hypnose. Aus dem anfänglichen Ticktack wird ein Herzschlag, aus epischem Sehnsuchtssound ein bedrohliches Donnergrollen. Man fühlt sich in die Clubatmosphäre der Neunzigerjahre zurückversetzt. Auch die minimalistischen Kostüme – viel Haut und ein wenig Schwarz – lassen an diese Epoche denken.

Nach einem Youtube-Video

Die 1971 in Jerusalem geborene Choreografin Sharon Eyal hat sich für ihr Stück vom Gedicht «OCD» des amerikanischen Slam-Poeten Neil Hilborn inspirieren lassen. Mit fahrigen Gesten und voller Furor erzählt der Slammer in dem millionenfach online angeschauten Youtube-Video von seinen Zwangsstörungen und seiner Liebe zu einer Frau.

Neil Hilborn - «OCD». Quelle: Youtube/Button Poetry

Eyal erkannte darin sofort eine Choregografie. «OCD» – was für «obsessive-compulsive disorder» steht, eine Zwangsstörung, genauso wie das Verliebtsein eine sein und werden kann. So lautet zumindest die These in «OCD Love».

«Bad Trip»

Ein Mann umrundet sehnsuchttrunken eine Frau und verschwindet daraufhin wieder im Dunkeln. Zwei Männer und drei Frauen bilden eine symbiotische Gruppenszene – eine Formation, die an den Rohrschach-Test denken lässt –, um sich kurz darauf wieder in hedonistisch zum Publikum gewandte Einzelkämpfer aufzulösen. Wie ein Stamm wirken sie, wenn sie mit Armen und Beinen aggressiv rechte Winkel in den Raum zeichnen, sich auf die Brust trommeln oder verzweifelt die Hände vors Gesicht schlagen, wenn die Liebe einem «Bad Trip» gleicht.

Eyals Choreografie ist so mannigfaltig wie die Truppe selbst. Unerwartet kommen Bewegungen aus dem klassischen Repertoire wie ein Spagat oder eine Hebefigur ins Spiel. Herausragend ist die Tänzerin Mariko Kakizaki, die mit ihrer permanenten Körperspannung und als ultraflexibler Spielball der Truppe in Erscheinung tritt. Wie lautet wohl der Beziehungsstatus dieses Kollektivs? Vermutlich: «Es ist kompliziert.»

Tanz in Bern: Noch bis zum 11.11. in der Dampfzentrale, Bern. www.tanzinbern.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch