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Irr vor Glück

Güzin Kar über ein Gefühl, das man in Künstlerkreisen nur in Gänsefüsschen schreibt.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.
Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Darf man eigentlich glücklich sein? Ich meine, einfach so, ganz ohne ersichtlichen Grund? Oder gerät man da schon unter einen Generalverdacht? Es gibt doch diese Tage oder vielmehr Momente, wo einem ein plötzliches Empfinden von Leichtigkeit und gar Euphorie angeworfen wird, und man Lust auf Seilspringen, Liebesbekundungen und Kartoffeldruck sowie andere verblassende Kulturtechniken bekommt.

Bitte vergessen Sie kurz die untere Hälfte Ihres Daseins, es geht hier nicht um Hormone oder Säfte, und wenn, dann in einer solch verdünnt-homöopathischen Dosis, dass sie nicht mit einem konkreten Ereignis in Verbindung gebracht werden könnten, noch weniger mit einem konkreten Gegenüber oder Aufeinander. Es soll uns für einmal um die albernen Momente der Glückseligkeit gehen, in denen man zum Spiegel rennt, um zu schauen, ob man wenigstens äusserlich noch man selber ist, da das Innere gerade Spiralen dreht.

Sie kennen das hoffentlich!

Kennen Sie das? Sie kennen das hoffentlich! Das war ein Befehl, was! Sie! am! Ausrufezeichen! Erkennen! Und ich untersage Ihnen, etwas zu nölen wie: Ach, nöööööö, draussen ist Krieg, Überschwemmung und McDonald’s, und ich soll glücklich sein? Ich bin und bleibe ein Lebensskeptiker, höre ausschliesslich Bob Dylan und Nirwana, und auch die nur zwischen den Zeilen, lese Gedichte von Bachmann, Ingeborg (österreich. Dichterin) und bin auch sonst ziemlich korrekt depressiv, Mann. Glück ist für Blöde. Glück ist, sogar in seiner temporären Erscheinungsform, etwas für jene, die nicht begriffen haben, was läuft. Was läuft, ist der Fernseher. Und der macht uns irr. Der macht uns fröhlich, ganz ohne Grund. Der ist schuld an allem. Sie haben recht. Aber Sie müssen auch wissen, ich bin das Kind von Arbeitern und liebe Fernsehen. Das Fernsehen wurde eigens für uns erfunden, damit wir uns am Abend aufs Sofa hocken, blöde Shows angaffen und keine Revolution anzetteln. Jedenfalls hat mir das mein Geschichtslehrer erzählt, der einen langen Bart trug und einer Intellektuellenfamilie entstammte.

Arbeiter trugen damals keine Bärte, weil die beim Arbeiten gestört hätten. Sie trugen blaue Overalls, in deren Taschen belegte Brote steckten, weil es keine Kantinen gab und Kneipen zu teuer waren. Ich selber trage weder Brote noch Overalls, bin auch keine klassische Arbeiterin, aus dem einfachen Grund, dass ich zu zierlich geraten bin zum Mauern und Buddeln. Und auch zu untalentiert, um genau zu sein. Deshalb buddle ich in Gedanken, mache Kunst und Texte und so Zeug. Und in diesen Kreisen gehört es sich, dass man das Wort «Glück» nur in Gänsefüsschen schreibt. Man spricht es auch so aus, in Gänsefüsschen. Künstler und Intellektuelle können Satzzeichen sprechen. Darin bin ich recht begabt. Ich war sogar mal so gut, dass ich Kommata atmen konnte.

Fernsehen und Pasta

Aber tief in meinem Herzen, der Gallenblase oder wo immer das Arbeiter-Gen hockt, da bin ich Baggerfahrerin geblieben und sehne mich nach Glück und Fernsehen und Pasta. Ich weiss nicht, wann und wie sich die Pasta ins Glücksempfinden geschlichen hat, aber nun ist sie da. Okay, das mit dem Bagger war übertrieben, und unserer Familie entspross nie ein Baggerfahrer. Ich selber habe noch nicht einmal einen Führerschein. Aber das Prinzip bleibt: Wenn einen das Glück ereilt, dann krallt man es fest. Dann singt und jauchzt man vor sich hin und wird zum Klischee seiner selbst. So bin ich manchmal. Aber keine Sorge, Glück ist wie Unwetter: Es geht wieder vorüber.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin.www.guzin.ch

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