Wie der Terror ins Baskenland kam

Katalonien ist in Unruhe. Fernando Aramburus Roman «Langsame Tage» lässt uns die Entwicklung der Region verstehen.

1975: In Burgos demonstrieren Anhänger der ETA für Gesinnungsgenossen, denen der Prozess gemacht wird. Foto: Alain Vorloch (Gamma-Rapho via Getty Images)

1975: In Burgos demonstrieren Anhänger der ETA für Gesinnungsgenossen, denen der Prozess gemacht wird. Foto: Alain Vorloch (Gamma-Rapho via Getty Images)

Res Strehle@resstrehle

Wer neue Romanformen liebt, wird diesen Autor lieben: Der Baske Fernando Aramburu geht stets spielerisch mit Figuren und Erzählformen um. Am besten gelang ihm dies mit «Patria», das sich seit 2016 in Spanien 800'000-mal verkaufte, zum Buch des Jahres wurde und seither in zwanzig Sprachen übersetzt ist.

Natürlich half dem Roman auch, dass genau in dieser Zeit mit Katalonien eine andere Region die Unabhängigkeit von Spanien zu proben begann und dass Madrid darauf mit derselben Härte und fehlenden Sensibilität reagierte wie Jahrzehnte zuvor gegen die Basken. Aramburu sieht sich als Warner vor der Eigendynamik eines fanatischen Nationalismus, der zur Verhärtung auf beiden Seiten führt.

Dieselben Stärken wie das Opus Magnum

«Patria» handelte von der Gewalt, die der baskische Unabhängigkeitskampf hervorbrachte. In «Langsame Jahre», dem Vorgänger, der jetzt auf Deutsch erschienen ist, erzählt Aramburu, wie alles anfing. Er springt zwischen der Erzählung eines Jungen und den Arbeitsnotizen des Autors hin und her. Wie in «Patria» finden sich auch hier baskische Wörter, die auch in der deutschen Fassung stehen geblieben sind; sie machen diese Sprache sinnlich erfahrbar und zeigen, wie einzigartig die Basken und ihre Kultur in Europa sind.

«Años lentos», in Spanien 2012 erschienen, ist nur ein Drittel so lang wie «Patria» – Aramburu light gewissermassen, aber mit denselben Stärken wie das Opus Magnum. Es handelt am Beispiel einer Familie in San Sebastián von den alltäglichen Erniedrigungen seiner Landsleute während des Franco-Regimes. Eine junge Generation lässt sich dies im Aufbruch ab 1968 nicht mehr gefallen, einige von ihnen tauchen unter, die klandestine Gruppe nennt sich «Baskenland und Freiheit» (Euskadi Ta Askatasuna, ETA).

Wie wenig dieses Untertauchen mit Abenteuer und revolutionärer Romantik zu tun hatte, wie viel dafür mit Entbehrung und auch Unerfahrenheit, macht dieses Buch deutlich. Der Erzähler ist wie in «Patria» kein Held, sondern einer, der am Rand steht und nicht weiss, wie ihm geschieht. Diesmal ist es die Perspektive eines Knaben aus Navarra, der Ende der 1960er-Jahre als Pflegekind in der Familie seiner Tante aufwächst. Staunend, fasziniert und anfangs noch unbeteiligt, später dann als Botengänger, bekommt er mit, wie sein Cousin in den Untergrund abtaucht und die Familie den Kontakt mit ihm verliert.

Dieser Aramburu light deutet alle Stärken seines grossen Werkes «Patria» an.

Jahrzehnte später, nunmehr erwachsen, erzählt er seine Geschichte einem Schriftsteller namens «Herr Aramburu». Dabei reflektiert er, was den Autor interessieren könnte und wo er zu weit abzuschweifen droht. Und dieser Schriftsteller macht daraus, wie er in einem Notat schreibt, «zuerst Literatur und dann, wenn möglich, die Wahrheit».

Aramburus Annäherung an die Wahrheit jener Jahre erfolgt spielerisch mittels Notaten. Sie werden selber zum zweiten Erzählstrang dieses Romans: Halbfabrikate, die die Fantasie des Lesers deshalb besonders gut anregen, weil sie erst in dessen Kopf fertig zusammengebaut werden.

In die Radikalität gestolpert

Dieser Aramburu light deutet alle Stärken seines grossen Werkes «Patria» an: Das Grosse wird im Kleinen erzählt, die Tragödie als Groteske, die Figuren werden vom Autor so unbarmherzig geliebt, dass speziell ihre Schwächen zum Ausdruck kommen. Und wieder sind die starken Figuren auch in diesem Roman Frauen.

Auch wenn das Buch in Spanien schon vor sieben Jahre erschienen ist, verleiht ihm der Konflikt um Katalonien neue Aktualität. Denn Aramburus junger Protagonist stolpert mehr in die Radikalität, als dass er sie bewusst als Strategie gewählt hätte. Eine Erfahrung, die gegenwärtig viele junge Katalanen machen und die Aramburu mit Sorge erfüllt.

Zwar wohnt er seit dreissig Jahren in Deutschland, aber seine emotionale Heimat sind das Baskenland und Spanien geblieben, schliesslich hat er selber als Jugendlicher den Übergang vom Faschismus zu einer labilen Demokratie erlebt. Es war eine bleierne, träge Zeit, die diesem Buch seinen Namen gab, mit «Langsame Jahre» zu wörtlich aus dem Spanischen übersetzt. Dieselben bleiernen Jahre mit unversöhnlichen Fanatismen auf beiden Seiten drohen ein halbes Jahrhundert später nun auch einer jungen Generation in Katalonien.

Fernando Aramburu: Langsame Jahre. Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt, Hamburg 2019. 208 S., ca. 32 Fr.

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