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Wer sich fürchtet, kann nicht frei sein

Ein Leben ohne Angst und einklagbare Rechte für alle sind die Voraussetzungen für Liberalismus. Diese These vertrat Harvard-Professorin Judith N. Shklar. Ein neues Buch stellt nun ihr Denken vor.

Symbol des Aufstands gegen Unterdrückung: Die Freiheitsstatue auf Liberty Island in New York. Foto: Drew Angerer (Getty Images)
Symbol des Aufstands gegen Unterdrückung: Die Freiheitsstatue auf Liberty Island in New York. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Judith N. Shklar wird 1928 als ­Judita Nisse in Riga geboren. Die jüdische Familie flieht nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 und vor der Okkupation Lettlands durch die Sowjetunion über Schweden nach Kanada. In Montreal beginnt Judita Nisse mit dem Politologiestudium, das sie an der Harvard University abschliesst. Nach der Heirat mit einem Zahntechniker und der Geburt von drei Kindern wird ­Judith N. Shklar als erste Frau «Professor of Government» in Harvard.

Ihre Bücher «Liberalismus der Furcht» und «Liberalismus der Rechte» sind tragende Säulen des modernen liberalen Gedankenguts. Shklars persönlicheErfahrungen mit Flucht und Leid haben dazu beigetragen, dass sie sich dem Thema von unten her angenähert hat: Wer mit Angst und Schrecken aufwächst und jeden Augenblick das Schlimmste zu befürchten hat, kann kein normales Leben führen. Die Philosophen hätten sich, so Shklars Kritik, viele Gedanken gemacht über Gerechtigkeit, aber wenige über Ungerechtigkeit – obwohl diese verbreiteter und bedrohlicher sei.

Mündige Entscheidungen

Voraussetzung für jede Art von Liberalismus ist nach Shklar die Abwesenheit von Furcht. Dies sei «die ursprüngliche und einzig vertretbare Bedeutung von Liberalismus», schreibt sie 1989 in «The Liberalism of Fear»: «Jeder erwachsene Mensch sollte in der Lage sein, ohne Furcht und Vorurteil so viele Entscheidungen über so viele Aspekte seines ­Lebens zu fällen, wie es mit der gleichen Freiheit eines jeden ­anderen erwachsenen Menschen vereinbar ist.» Anstatt hehre ­Visionen anzubieten, sollten ­Liberale helfen, Grausamkeit zu beenden oder zu verhindern.

Für Judith Shklar war es unverständlich, wie sich die frühen amerikanischen Liberalen über den gerechten Staat Gedanken machen konnten, ohne die Sklaverei zu verurteilen. An einem solchen Theoriegebäude wollte sie nicht arbeiten. Shklar, deren Kindheit, wie sie selbst schreibt, «durch Hitler beendet wurde», wusste aus eigener schmerzvoller Erfahrung, wie dünn der ­Firnis der Zivilisation ist – und dass es ein absolutes Böses gibt: die Grausamkeit. Diese lasse sich, so eine weitere Einsicht der Politologin, zusätzlich steigern durch Distanz zu den Opfern. Deshalb sei es oberstes Gebot, zuerst ­einmal diesen zuzuhören.

Recht auf Freiheit

Ist der furchtfreie Raum einmal geschaffen, gilt es nach Shklar die «Freiheit von Furcht» zu schützen und zu fördern durch staatlich garantierte Rechte. Denn Freiheit bedeute nicht nur, dass sich der Staat nicht in die Angelegenheiten der Individuen einmische, sondern auch, dass er die Existenz des Einzelnen schütze. Der «Liberalismus der Furcht» und der «Liberalismus der Rechte», diese zwei Säulen der staatspolitischen Theorie von Judith N. Shklar, müssen alsozusammen gedacht werden.

«Einen effektiven Schutz vor dem berechtigten Gefühl des Ausgeliefertseins garantieren nur einklagbare Rechte», so ergänzt Jan-Werner Müller in seiner Studie «Furcht und Freiheit». Der an der Princeton University lehrende deutsche Politikwissenschaftler bringt damit Judith N. Shklars Theorie in die aktuelle Debatte über Liberalismus ein.

Dass Rechte nicht nur gelten, sondern auch geltend gemacht werden können, ist vor allem für Minderheiten existenziell. Daher ist die Demokratie, so Müller, die beste Antwort auf die Defizite des Liberalismus. Deren Sicherheitsvorkehrungen gegen selbstherrliche und bedrohliche Machtentfaltung garantierten auch die Rechte von gesellschaftlichen Randgruppen. «Der Liberalismus der Rechte ermöglicht mehr Spielräume als alle anderen Regime, nicht zuletzt dadurch, dass er Ausnahmen von seinen Gesetzen bei gewichtigen Gründen (wie religiösen Pflichten) zulässt», merkt Jan-Werner Müller an.

Der skeptische Liberalismus von Judith Shklar misstraut jeder Form von Machtkonzentration. Wie die Geschichte zeige, neigten auch demokratisch gewählte Repräsentanten dazu, die Grundwerte der Demokratie zu schleifen – mit dem Ziel, die eigenen Machtbefugnisse zu erweitern. «Warum halten Amerikaner Rechte für so wichtig? Man betrachtete sie von Anfang an als Ansprüche gegen Regierungsvertreter, denen man stets eine Neigung zum Missbrauch ihrer Macht unterstellte.»

Mit Rechten reden

Hier knüpft Jan-Werner Müller an und führt den Gedankengang von Judith Shklar weiter. Auch wenn man das übergriffige politische Verhalten der Populisten kritisieren und mitunter sanktionieren müsse, heisse das noch lange nicht, sämtliche rechtspopulistischen Positionen, die sich in einer Demokratie Gehör verschafften, für undiskutierbar zu halten.

Das bessere Argument müsse sich auch in diesem Wettstreit der Ideen bewähren. Denn wer die anderen ausschliesse, stärke diese letzten Endes, meint Müller. Den Antipluralismus, das Kennzeichen der Populisten ­aller Couleur, dürften die Demokraten nicht übernehmen.

Jan-Werner Müller, bekannt geworden mit seinem klugen ­Essay «Was ist Populismus?», bietet in «Furcht und Freiheit» eine gut lesbare, kenntnisreiche Einführung in das Denken von Judith N. Shklar. Ihm kommt das Verdienst zu, die in Europa beinahe in Vergessenheit geratene Politologin wieder ins Bewusstsein zu holen. Ihre seit ­kurzem auf Deutsch vorliegenden Arbeiten sind die beste ­Voraussetzung dafür.

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