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Was junge Männer wollen

Das neue Buch von Susanna Schwager vereint elf Porträts junger Schweizer Männer. Sie zeichnet damit ein Mosaikbild dieser Generation. Von Schmerzensmännern ist da keine Spur.

Hat biedere Träume: Slampoet Gabriel Vetter.
Hat biedere Träume: Slampoet Gabriel Vetter.
Keystone
Glaubt daran, etwas bewegen zu können: Cédric Wermuth.
Glaubt daran, etwas bewegen zu können: Cédric Wermuth.
Keystone
Musste sich durchkämpfen: Andres Andrekson alias Stress.
Musste sich durchkämpfen: Andres Andrekson alias Stress.
Keystone
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Jung und naiv sei er gewesen, berichtet Nationalrat Cédric Wermuth, als er jenen Leserbrief schrieb. Er reagierte auf einen Zeitungsartikel über die rechtsextreme Szene im Aargau. «Sehr verharmlosend» sei darüber geschrieben worden, berichtet Wermuth. Also griff Wermuth selber in die Tasten und verfasste einen Leserbrief, der zu seinem politischen Erweckungserlebnis wurde. Er berichtete, es gebe im Dorf ein Lokal, in dem sich regelmässig zwanzig Rechtsextreme träfen. Der Brief löste eine Lawine aus. Zuerst besuchte der Wirt des Lokals ihn bei seiner Familie, dann kam die Boulevardpresse, dann die Bundespolizei. «Schaurige Lawine», so beschrieb Wermuth der Autorin Susanna Schwager die Folgen dieses Briefs. Eine Lawine mit Folgen. Wermuth verliess bald darauf das Dorf, aber er nahm etwas mit. Das Gefühl von: «Doch, man kann etwas bewegen».

Jung, verträumt, engagiert

Von wegen apolitische Jugend. Das Porträt von Wermuth ist eines von elf, die Susanna Schwager in ihr neues Buch «Das halbe Leben» gepackt hat. Die Auswahl ist natürlich nicht repräsentativ – mit Wermuth, dem Slampoeten Gabriel Vetter oder dem Rapper Stress sind aussergewöhnliche Talente versammelt –, trotzdem geben die Biografien und Überlegungen dieser Männer einen guten Einblick in die Bedingungen, unter denen diese Generation heranwächst. Genau so wie die Gedanken, die sie sich zur Lage der Welt und zu sich selbst machen. Und sie haben etwas gemeinsam: Die Überzeugung, etwas bewegen zu können.

Zum Beispiel Andres Andrekson alias Stress. Die Jugend hat er in Estland verbracht, hinter dem Eisernen Vorhang in einer Plattenbausiedlung. Dann kam er in die Schweiz und war als Musiker erfolgreich. Er ist das Vorzeigebeispiel eines erfolgreichen Secondos, der es trotz schwieriger Startbedingungen geschafft hat. Allerdings bringt er auch einen scharfen analytischen Verstand mit und spricht Klartext über die Befindlichkeit der nachfolgenden Generation – und ihre Herausforderungen.

Permanent stimuliert

Von Angeboten verführt, verwöhnt, permanent stimuliert und doch passiv, so diagnostiziert er das Leiden der Jungen. Viele Menschen fühlten sich zunehmend ohnmächtig, glaubten, dass ein Engagement keinen Sinn mache, dass niemand auf sie gewartet habe. «Das ist Katastrophe für Democracy, sehr schlecht.» Meist seien es eben sehr junge Leute, die so empfänden. Dabei hätten sie doch wirklich alle Möglichkeiten, sagt Stress. «Sie selber, in diese Land, sie können alles machen. Und sie wissen nicht. Aber muss man machen selber. Kann man nicht kaufen.»

Das tönt etwas nach Schmerzensmännern, wie sie Autorin Nina Pauer in ihrem Artikel in der «Zeit» beschrieb. Vor lauter Optionen und Metareflexion, schrieb sie da, versäumten diese Männer es, Initiative zu ergreifen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Davon ist bei allen im Buch porträtierten Männern nichts zu spüren. Ja, sie stellen sich Fragen, weil sie verstehen wollen. Weil sie ihren eigenen Weg finden müssen – und der ist nicht mehr so vorgespurt wie ehedem.

Slampoet Gabriel Vetter erzählt seine aussergewöhnliche Lebensgeschichte und bekennt, ein Ja-Sager zu sein (aus Neugierde) und ziemlich biedere Träume zu haben. «Weil nicht spiessig wäre – HA, dreizehn offene Beziehungen ausleben, da wohnen, dort wohnen, umziehen, Lofts, nirgends Bindungen, das Wahre in der Kunst suchen oder zumindest kreativ sein, leiden, saufen, rauchen und irgendwann früh, aber erfüllt und glücklich sterben – und am besten noch eine Biografie nachgeschmissen bekommen, in der steht, er hat kurz gelebt. Aber er hat gelebt! – Irgendwie ist dieses betont Unspiessige ja inzwischen Mainstream.»

Oder auch nicht, denn unsere Welt fragmentiert sich zunehmend und in diesem Prozess Orientierung zu finden ist nicht gerade leicht. Naiv ist sie nicht, diese Jugend, das kann sie sich gar nicht leisten. Aber das Porträt, das Susanna Schwager von ihr zeichnet, macht Hoffnung auf Wandel. Revoluzzen, nein. Aber träumen, reflektieren, die Dinge anpacken, daran glauben die jungen Männer.

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