Der bekannteste weisse Anzug der Welt

Tom Wolfe ist tot: Ein genialer Autor und Star-Reporter, der zum eitlen Selbstdarsteller und Reaktionär wurde. Ein Nachruf.

Der Mann in Weiss: Tom Wolfe in seinem Anzug, seinem Markenzeiechen. Foto: Francois Berthier (Getty)

Der Mann in Weiss: Tom Wolfe in seinem Anzug, seinem Markenzeiechen. Foto: Francois Berthier (Getty)

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Als Robert Redford noch jung und schön war und in der bittersüssen Verfilmung des «Grossen Gatsby» melancholisch auf die längst verlorene Daisy wartete, trug er vor lauter Kummer einen unförmigen Anzug in Gangster-Weiss. In einer Szene schleppte sich dieser Anzug gleich mehrere Zentimeter hinter seinem Träger her und ruinierte damit Tom Wolfe vorübergehend dessen Image als vom Himmel oder woher auch immer gefallener Tragelaph.

Schliesslich war er in der Welt der Schrift und also der reinen Kunst einmalig, ein Wundertier, ein Fabelwesen – wer konnte es wagen, ihn zu kopieren? Wie die wehrhafte Athene war er vollkommen entwickelt in schimmernder Rüstung auf diese Erde gekommen, ein Fremder in einer fremden Welt und zugleich ihr genauester Beobachter. Und dann dieser ----wiehiessdergleichwieder???? ----Redford!!!

Luxurierender Trittbrettfahrer

Nach eigener Einschätzung hatte Tom Wolfe kurz zuvor den New Journalism erfunden. Das stimmt zwar nicht, aber mit Joan Didion, Hunter S. Thompson, Gay Talese und seinem Feind Norman Mailer brachte er die erzählende Reportage und vor allem das dringende Präsens als allein gültige Darreichungsform in die Magazine. Gut ranke'sch oder thomasmännisch hätte sich beispielsweise für die Geschichte der ersten amerikanischen Raumpiloten das raunende und sine-ira-et-studio-Präteritum angeboten, Wolfe bestand jedoch auf absoluter Zeitgenossenschaft, die es nur in der Gegenwart, im scheinbar physischen Unmittelbardabeisein geben konnte.

Natürlich war er nicht dabei gewesen, als der Produzent Phil Spector im startenden Flugzeug sass, von einer vermutlich nicht ganz drogenfreien Paranoia befallen wurde und ein solches Geschrei veranstaltete, dass der Pilot auf der Startbahn anhielt und den Mann aussteigen liess, der sich sicher war, dass genau dieses Flugzeug abstürzen würde. Aber so erschuf Tom Wolfe den «ersten Teenager-Millionär», eben jenen Phil Spector, der die unsterbliche Mini-Symphonie «Be My Baby» erfand und für Tina Turner das himmel- und grundstürzende «River Deep, Mountain High».

Das ist Amerika, wie es keiner mehr kennt, und eine Sprache, die einem heute kein Redakteur mehr durchgehen liesse.

Die Gangster um Meyer Lansky hatten 15 Jahre gebraucht, um Las Vegas zu erbauen, Tom Wolfe erschuf es in vier Wochen neu in einer Reportage, indem er die Flitterglitterstadt der Spieler und Discount-Nutten zum «amerikanischen Versailles des 20. Jahrhunderts» stilisierte. Natürlich war er auch nicht dabei, als Leonard Bernstein eine Party für die Black Panthers gab und unter seinen New Yorker Gästen Geld für die gewaltbereiten Terroristen sammeln liess, aber er brachte diese Art des luxurierenden Trittbrettfahrens auf den einzig treffenden Begriff: radical chic.

Wolfes Thema waren die Männer, die in aufgemotzten Autos im Kreis fuhren, Teenager-Stars, Disc-Jockeys, Surfer und Rocker, und er wurde damit zum Historiker der sechziger Jahre, der Geschichte bereits in dem Moment schrieb, da sie passierte. Bemüht, dass ihn auch nicht ein Stäubchen der Gegenkultur den massgeschneiderten weissen Anzug beflecke, hockte er sich zu Ken Kesey und den Merry Pranksters in deren Magic Bus und fuhr mit ihnen, von Peyote, Marihuana und der Aura des eben entwickelten LSD süss umfächelt, durch die ahnungslosen Lande.

Video – Inmitten von Drogen und Sexorgien Wolfe erinnert sich, was ihn beim Schreiben von «Electric Kool-Aid Acid Test» am meisten störte. Video: Youtube/The Daily Beast

Nichts konnte ihm etwas anhaben, die Hippies nicht und auch nicht die Hell's Angels. Jemand wollte ihn ein bisschen aufhübschen, doch Tom bestand auf seinem Wolfe: «Ich für meinen Teil behielt meine Krawatte an, um zu zeigen, dass ich auch meinen Stolz hatte.» Das wurde der «Electric Kool-Aid Acid Test» (auf Deutsch passend: «Unter Strom», 1968) und sein bestes Buch.

Das war, das ist Amerika, wie es keiner mehr kennt, und eine onomatopoetische Sprache, die einem heute kein Redakteur mehr durchgehen liesse: «There Goes (Varoom! Varoom!) That Kandy-Kolored (Thphhhhhh!) Tangerine-Flake Streamline Baby (Rahghhh!) Around the Bend (Brummmmmmmmmmmmmmmmmm)....»

Wolfe wollte Zeuge sein, am besten der erste

Mit der Pilotensaga «Die Helden der Nation»(«The Right Stuff», 1979) war Wolfe aber bereits zum Verräter an seinem einmaligen Können und an den Kollegen sowieso geworden. «Die wichtigste Literatur, die heute in Amerika geschrieben wird, ist nonfiction», hatte er 1973 excathedral verkündet. Nicht ganz zufällig hatten in Deutschland kurz zuvor Walter Boehlich und Karl Markus Michel im Kursbuch den Tod der Literatur verkündet, ihr Herausgeber Hans Magnus Enzensberger sah Zukunft nur mehr in den Reportagen von Ulrike Meinhof und Günter Wallraff.

Der sprachbarockberauschte Reporter Wolfe interessierte sich herzlich wenig für die gesellschaftsverändernde Bedeutung seiner Artikel, er wollte nur Zeuge sein und der erste, der vom Neuesten berichten konnte. Unglücklicherweise meinte er dann, Balzac und Zola müssten ihm in die traditionelle Literatur hineinhelfen. Aus einer Reportage über den Finanzmarkt, mit der er so wenig zu Rande kam wie Thompson mit seinem Bericht vom Kentucky Derby, wurde mit unendlicher Bearbeitungs- und Lektoratsmühe ein Roman über die neuen Herren der Welt, masters of the universe.

Video – Der Reproter als Romancier Wolfe im Interview zu seinem ersten Roman «Bonfire of Vanities». Video: Youtube/mediumcool123

Das «Fegefeuer der Eitelkeiten» («Bonfire of vanities») erschien im Oktober 1987 und zwar haargenau zum grössten Börsenverlust seit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Wolfe hatte wieder den Nerv der Zeit getroffen. Nicht mehr die Gegenkultur war das exotischste Thema, sondern der Finanzkapitalismus, dessen Mechanismen, Manierismen, der Geltungssucht und Statusverlustangst er mit erkennbarer Bewunderung und wieder bis zum dreifach verwebten Kammgarn der englischen Anzüge schilderte. Leider war er damit weltberühmt, reich und wie Balzac ein Romancier geworden, der nicht anders als seine Börsenmakler zum Erfolg verdammt war.

Doch aus dem unbedingten Dabeisein wurde eine Adabeierei, die sich manchmal im speichelnden Aufzählen von Accessoires erschöpfte und nicht den soziologischen Befund erbrachte, um den es dem ehemaligen Reporter doch angeblich ging. Die grossen Männer, die er inzwischen Roman für Roman feierte, konnten gar nicht gross genug sein, die Bücher nicht dick genug, die Honorare nie gross genug.

Reportagen als beste amerikanische Literatur

Als unheilbarer Reaktionär behauptete er bis zuletzt, die USA hätten den Vietnamkrieg gewonnen, in seinem jüngsten Buch fiel er unter Verzicht auf jedes wissenschaftliche Gegenargument über Darwins Evolutionstheorie und über Chomskys Transformationsgrammatik her, aber was zählt das schon? Wenn er dem klassischen New Yorker unzeitgemässe Steifheit und eine faux britishness vorwarf, war das nicht nur Neid auf den edelsten Salon in Manhattan, sondern das, was niemand besser beherrschte als Wolfe: radikale Stilkritik. Die Reportagen Tom Wolfes waren die beste amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts; sein Genie ist nur noch mit dem von Bob Dylan und Hemingway zu vergleichen.

Im Februar verheiratete Tom Wolfe seine Tochter Alexandra standesgemäss an einen aufstrebenden Juristen. Als brave Tochter fragte sie den Vater, ob er auch an ihrem Ehrentag seinen bewährten weissen Anzug tragen würde. Nein, erwiderte er: «Es ist Dein Tag. Du kannst weiss tragen.» In Manhattan ist am Montag der bekannteste weisse Anzug des Planeten und einer der berühmtesten Journalisten der Welt gestorben. Der letzte Barockdichter Tom Wolfe wurde 88 Jahre alt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 20:01 Uhr

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