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«Sofortiger Tod»

Nazis, Drogen, Nordkorea: Im Zug des Rechtsextremismus-Streits um Christian Kracht rückt die Dokumentation «Five Years», ein Mailwechsel zwischen Kracht und David Woodard, ins öffentliche Interesse.

Gäbe es eine Ironie des Schicksals, dann müsste sie wohl so aussehen. Am 13. Februar 2005 schreibt ein offenkundig besorgter Christian Kracht an David Woodard, dass er es tunlichst vermeiden wolle, in irgendeiner Form mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht zu werden. Denn das, so erklärt Kracht seinem amerikanischen Brieffreund, bedeute in Deutschland «sofortige Exkommunikation»: «Kein Literaturagent mehr, kein Verleger, kein Magazin, keine Leser, keine mediale Aufmerksamkeit. Sofortiger Tod.»

Exakt sieben Jahre später – am 13. Februar 2012, letzten Montag also – packte der «Spiegel»-Redaktor Georg Diez die Rassismuskeule aus, und Kracht wurde zum feuilletonistischen Prügelknaben. Der Schweizer Autor verbreite rechtsextremes Gedankengut, sagte Diez, sein neuer Roman «Imperium» sei «durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht», er befördere «antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken». Kracht sei quasi «der Céline seiner Generation».

Die Brachialattacke des deutschen Leitmediums traf den Romancier offenbar tief, er sei «sehr bedrückt ob des unbedingten Vernichtungswillens, der aus Diez' Zeilen spricht», sagte Krachts Verlagssprecherin Gaby Callenberg gegenüber Redaktion Tamedia. Gestern entschloss sich Kracht, seine für kommende Woche anberaumte Deutschland-Tournee abzusagen.

«Weihnachtskalender des Teufels»

Zwar stiess Diez' Literaturkritik grossmehrheitlich auf harsche Ablehnung, ein Aspekt der «Spiegel»-Tirade sorgte aber für Verblüffung: Der Hinweis auf «Five Years», ein medial bis dato völlig unbeachtetes Werk, das den Mailverkehr zwischen Kracht und dem US-Musiker David Woodard dokumentiert (die Schrift ist in der Schweiz nicht im Handel erhältlich, Redaktion Tamedia bezog sie über eine Bibliothek).

Primär mithilfe dieses Büchleins versuchte Diez, seine provokante These des Rechtsextremismus Krachts zu belegen. Als «Weihnachtskalender des Teufels» bezeichnete der Kritiker den Mailaustausch, er führe «direkt ins Denken und Schreiben von Christian Kracht».

Obsession für totalitäre Ästhetik

Krachts Brieffreund David Woodard ist ein durchaus zweifelhafter Zeitgenosse. Der 47-jährige US-Amerikaner betätigt sich als Komponist wagnerianischer Musikstücke, als Performance-Künstler und als Essayist; die Konstante seiner Arbeit ist eine Obsession für totalitäre Ästhetik und Kulturgeschichte. Woodwards Herzensprojekt ist die Restauration der paraguayischen Siedlung Nueva Germania, die Ende des 19. Jahrhunderts von einer völkisch orientierten Gruppierung um die Nietzsche-Schwester Elisabeth Förster gegründet worden war.

Mit diesem Woodard unterhält sich Kracht in «Five Years», und die Themen der beiden entstammen stets einer Schnittmenge von Absonderlichkeit und Totalitarismus: Mal geht es um die Frage, wie man sich Samen der nordkoreanischen Pflanze Kimjongilia beschafft, mal um einen 93-jährigen früheren Berater Joseph Goebbels, mal um einen Satanisten, mal um Richard Wagner, und immer wieder geht es um Nueva Germania.

Woodard dominiert dabei das Gespräch, seine Mails sind häufiger und länger. Kracht dagegen wirft Stichworte ein und fragt nach. Es macht den Anschein, als ob der Schweizer an einer ganz bestimmten Art von geistigem Input interessiert gewesen sei (für seine Arbeit an «Imperium»?), derweil sich Woodard voll und ganz in seinem Element befand. Nur wenn es um Nordkorea geht, überwiegt Krachts Begeisterung (2006 war er Mitarbeiter eines Bildbands namens «Die totale Erinnerung. Kim Jong-ils Nordkorea» ). Fast absurd wirkt, wie kenntnisreich und abgeklärt sich der Globetrotter Kracht über nordkoreanische Behörden, Gepflogenheiten und Formalitäten äussert.

Er ähnelt dabei einem introvertierten Teenager, der seine Freizeit aus Exotismus-Faszination und Provokationslust am liebsten mit giftigen Spinnen verbringt. Mit der viel zitierten und oft besprochenen, verwinkelten krachtschen Ironie kann diese private Passion des Schweizers – im Gegensatz zu vielen kruden Stellen seines literarischen Werks – schwerlich erklärt werden.

Abenteurer – als Intellektuelle wie als Reisende

Häufig allerdings, wenn Woodard zu einer seiner bizarren Schwärmereien anhebt («Schau' dir diese SS-mässige Schuluniform an»), schweigt sich Kracht aus. Einmal brüskiert er Woodard, als der Amerikaner ein Porträt über den Holocaustleugner Ernst Zündel in Krachts Zeitschrift «Der Freund» (2004–2006) platzieren möchte: Er, Kracht, sei ein Zionist und «Der Freund» sei ein zionistisches Magazin, deshalb könne er das Porträt nicht übernehmen.

Nichtsdestotrotz: Der Schriftsteller Christian Kracht suchte im Mailverkehr mit Woodard unverkennbar die intellektuelle Grenzerfahrung; hier glich er dem ambitionierten Reisenden Kracht, der den Kilimandscharo bestieg und Pakistan durchwanderte. Die Leidenschaft, exotische Länder und absonderliche Destinationen aufzusuchen, teilt Kracht mit Woodard – die Reflexionen ihrer Aufenthalte in Bangkok, Berlin, Buenos Aires, Asunción oder Kathmandu machen die unverfänglichen Passagen von «Five Years» aus; beim Amerikaner kommt noch ein salopper Drogen-Enthusiasmus dazu («Musste vier Stunden rumbringen, entschied mich für Ketamin»).

Nicht gewillt, Position zu beziehen

Vielleicht war es der Reiz des sinnlosen Risikos, der den renommierten Autor Kracht dazu bewog, den Mailverkehr mit seinem dubiosen Bekannten beim kleinen Wehrhahn Verlag in Druck zu geben. Er könnte ihm nun, mit Verspätung (das Buch erschien bereits 2011), zum Verhängnis werden, da der Vorwurf des Rechtsextremismus im Raum steht und Kracht nicht gewillt zu sein scheint, Position zu beziehen.

Das ist bedauerlich. Denn eine ideologische Gleichsetzung von Kracht und Woodard ist – auch und gerade angesichts «Five Years» – nichts anderes als eine tendenziös-bösartige Vereinfachung.

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