Zum Hauptinhalt springen

Robert Langdon, übernehmen Sie

Erzählmaschine Dan Brown ist wieder da: Sein neuer Superthriller «Origin» ist grandiose Unterhaltung.

Erfolgsautor Dan Brown.
Erfolgsautor Dan Brown.
Keystone

Ganze Armeen von Philosophen, Kartenlegern, Glaskugelspähern und Evolutionstheoretikern haben bis heute mehr oder weniger erfolglos versucht, Antworten auf jene drei Grundfragen zu finden, die den Menschen seit Urzeiten umtreiben: Wer sind wir? Woher kommen wir? Und wohin werden wir gehen? Keiner hat es bis heute abschliessend vermocht, Licht ins Dunkel des kleinen, aber weitreichenden Fragenkomplexes zu bringen.

So sollten denn auch die Leser des neuen Romans von Dan Brown nicht allzu enttäuscht sein, wenn sie dessen Lektüre nach 672 überaus spannenden Seiten beendet haben und bekümmert feststellen müssen, dass sie – was jene eingangs formulierten Fragen betrifft – nicht wirklich weitergekommen sind, obgleich der Meister ihnen im Prolog der Geschichte genau dies in Aussicht gestellt hatte.

Ein flammender Speer

«Und ausgerechnet sie sind die ersten, die nun die Wahrheit erfahren, dachte Kirsch. Was für eine Ironie. Nicht mehr lange, und ich stosse einen flammenden Speer in ein Hornissennest.»

Die Rede ist von den drei Religionsführern, mit denen sich Edmond Kirsch, seines Zeichens «Fachmann für Spieltheorie und computerbasierte Modellrechnung» eingangs in den Hügeln Kataloniens, in der legendären Bibliothek des abgelegenen Klosters von Montserrat, trifft, um sie auf den nahenden Zusammenbruch ihrer jahrtausendealten Glaubensgebäude einzustimmen.

Die Rede ist vom spanischen Bischof Antonio Valdespino, flankiert von Rabbi Yehuda Köves und Al-Alláma Syed. Sie will Kirsch vorab einweihen, ehe er seine fundamental neuen wissenschaftlichen Einsichten in das menschliche Sein wenig später der staunenden Weltöffentlichkeit im Rahmen eines riesigen Media-Events zu präsentieren gedenkt. 230 Millionen Zuschauer, so Kirsch, werden dann an ihren TV-Geräten zugeschaltet sein.

Fundamente zerschmettern

«Sie reden, als würde es die Fundamente sämtlicher Religionen erschüttern, was Sie uns in Kürze anvertrauen werden?», hält ihm einer der Glaubensmänner entgegen, als Kirsch sein Smartphone hervorholt – um sich «in einen ultrasicheren Server einzuloggen, sein Passwort aus siebenundvierzig Buchstaben einzugeben» und seine Livestream-Darbietung zu starten. «Die Fundamente erschüttern? Es wird sie nicht erschüttern, es wird sie zerschmettern.»

Und so rollt sie denn raumgreifend an, Dan Browns abermals mit Höllentempo arbeitende Erzählmaschine. Das Resultat ist ein alles verschlingender Anekdoten- und Bilderstrom, aus dem man mit dem beglückenden, aber auch ernüchternden Gefühl wieder auftaucht, einem begnadeten Flunkerer aufgesessen zu sein. Denn natürlich vermag auch «Origin» nicht abschliessend zu vollbringen, woran sich ganze ­Armeen von Denkern jahrtausendelang die Zähne ausgebissen haben.

Und dass Edmond Kirsch schon nach hundert Seiten mit einer Kugel in der Stirn, welche ihm die konservativen Glaubenshüter verpasst haben, in die ­Kulissen stürzt, gehört in den Thrillern, wie sie der ehemalige, 1964 im amerikanischen Exeter geborene Englischlehrer seit 1998 mit geradezu aberwitzigem Verkaufserfolg schreibt, zur Cliffhanger-Grundausstattung.

Denn merke: Nur ein hungriger Leser ist ein gieriger Leser! Und so tritt auch in «Origin» alsbald der feinsinnige Harvard-Professor für Symbologie, Robert Langdon – bekannt aus dem Roman-Vorgänger «Illuminati» –, auf den Plan, um Kirschs Mission zu Ende zu bringen.

Inzwischen wird die Auflage von Browns Büchern weltweit auf 200 Millionen Exemplare beziffert – vorliegend in 56 Sprachen. Mit «Origin» wird der Mann seinen Triumphzug fortsetzen.

Man kann die Mission des allzu früh ins Gras beissenden Futurologen Kirsch für ausgemachten philosophischen Mumpitz halten – die Art und Weise aber, wie Brown diesen «Mumpitz» erzählerisch aufbereitet, ist grandios – weil überaus unterhaltsam. Und was kann ein erstklassiger Thriller mehr leisten?

Dan Brown:«Origin», Lübbe-Verlag, 672 Seiten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch