Neue Weiblichkeit – brauchts denn das?

Um Unvollkommenheit und Weiblichkeit geht es im Fotoband «Anima» des Lysser Fotografen Fredy Obrecht – doch zuweilen sind nicht nur die Fotos schwarzweiss.

Ungeschönte, aber ästhetische Frauenkörper.

Ungeschönte, aber ästhetische Frauenkörper.

(Bild: Fredy Obrecht)

Andrea Knecht

Sie haben Narben, Dehnungsstreifen und weiche, faltige Bäuche: Die im schmalen Fotoband «Anima» porträtierten Frauen sind nicht makellos – und sollen es auch nicht sein. Denn genau diese Unvollkommenheiten sind es, auf die der Lysser Fotograf Fredy Obrecht das Auge lenken will. Die Botschaft: Niemand muss perfekt sein, um schön zu sein. Zu den Fotografien hat Yvonne Obrecht Gedichte verfasst. Den grössten Teil des Buches machen aber Gespräche aus, die Verlegerin Katrin Sutter mit den Frauen geführt hat. Themen: Weiblichkeit und – eben – Unvollkommenheit.

Mutig ist das dann, wenn Frauen im Fokus stehen, die mit gesellschaftlichen Erwartungen brechen und sich nicht scheuen, mit ihren Lebensentwürfen anzuecken: etwa Rebecca, die wegen einer Muskelatrophie im Rollstuhl sitzt und von mehreren Assistentinnen gepflegt werden muss. Die jedoch unverkrampft von ihrem erfüllten Sexleben erzählt und von sich selbst sagt, sie habe vermutlich ein besseres Selbstbild als Frauen, die «wie Models» aussehen. Oder Doris, die polyamor lebt und neben der Ehe «eine devot-masochistische Beziehung» führt. Zudem zeigen die Gespräche auf bedrückende Weise, wie wichtig das Gefallenwollen zu sein scheint und wie zerstörerisch die Selbstzweifel.

Angestaubtes Geschlechterdenken

Und mit den Themen Bildbearbeitung und Schönheitsidealen trifft das Autorentrio natürlich einen Nerv: Auf Instagram sind bearbeitete Fotos Normalität geworden und setzen neue Standards. Obrechts ästhetische Schwarzweissfotografien hingegen zeigen die Körper ungeschönt, aber dennoch in einem sanften, wohlwollenden Licht.

Die Gesellschaftskritik gelingt jedoch nur teilweise. Man fragt sich, warum die Unvollkommenheit von Frauenkörpern so wichtig ist, dass es ein ganzes Buch dazu braucht. Und ob ein Buchprojekt über Männer mittleren Alters, die darüber sprechen, sich trotz körperlicher Makel männlich zu fühlen, ebenfalls eine Chance gehabt hätte.

Zudem drücken die Gespräche ein reichlich schwarzweisses Geschlechterdenken aus, auch wenn der Klappentext «eine neue Weiblichkeit» verspricht. Weiblichkeit wird durchs Band als Gegensatz zur Männlichkeit verstanden: Von Hingebung und Verletzlichkeit ist die Rede, von weiblicher Energie. Weicher und zarter als Männer seien Frauen. Dass Frauen Weiblichkeit oder das Gefühl von Weiblichkeit brauchen, um sich wohl in ihrem Körper zu fühlen, wird vorausgesetzt. Andere Überlegungen haben keinen Eingang ins Buch gefunden – beispielsweise jene, dass Eigenschaften nicht einem bestimmten Geschlecht zugeschrieben werden müssten: dass Weichheit nichts mit Weiblichkeit zu tun haben muss, sondern einfach eine menschliche Eigenschaft sein könnte. Dass verletzliche Männer nicht ihre weibliche Seite zeigen – sondern halt einfach verletzlich sind. Und so erweist sich die «neue Weiblichkeit» als ziemlich angestaubt.

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