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Literaturnobelpreis für einen Brückenbauer

Zwischen Mythos und Realismus, zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Kazuo Ishiguro («Remains of the Day») ist ein faszinierender Stilist. Und als Literaturnobelpreisträger eine glänzende Wahl.

Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro: Nicht nachlassendes Bestreben, das Gestern mit dem Heute auszusöhnen.
Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro: Nicht nachlassendes Bestreben, das Gestern mit dem Heute auszusöhnen.
Keystone

«Leider kann man getrost voraussagen, dass so manche Leser, die dieses Meisterwerk schätzen könnten, einen Bogen darum machen werden, weil sie nun einmal beschlossen haben, dass sogenannte Fantasy unter ihrer Würde ist.» Mit dieser Prognose schloss Daniel Kehlmann, selbst gefeierter Bestsellerautor, 2015 seine Kritik zu Kazuo Ishiguros Roman «Der begrabene Riese».

Mit konfuzianischem Credo

Kehlmann sollte recht behalten. Das Buch, welches das konfuzianische Credo «Wer die Zukunft sehen will, muss in die Vergangenheit blicken» in ein neues erzählerisches Gewand kleidete, verschwand als Geheimtipp für Genrewanderer in den Regalen gut sortierter Buchhandlungen. Womöglich neben «Alles, was wir geben mussten», Ishiguros fantastischer Geschichte über eine junge Frau, die an einer Schule arbeitet, die sich als eine Art Ersatzteillager für menschliche Organe entpuppt.

Lange zirkulierte der Name Ishi­guro ausschliesslich unter Literaturinsidern, die früh erkannten, das sich hier ein literarischer Brückenbauer anschickte, die uralte Tradition der japanische Legenden- und Mythenerzählung mit zeitgenössischer realistischer Literatur zu vermählen. Kam die Rede auf mögliche japanische Nobelpreiskandidaten, fiel jedoch regelmässig der Name Haruki Murakami.

Welthaltiger als Murakami

Tatsächlich aber schreibt der 1954 in Nagasaki geborene Kazuo Ishiguro die welthaltigeren Bücher. Dass lange lediglich sein 1989 erschienener, mit Anthony Hopkins und Emma Thompson erfolgreich verfilmter Roman «Was vom Tage übrig blieb» («Remains of the Day») internationalen Glanz abwarf, ist wohl der Weigerung dieses Autors geschuldet, seine Romane nach ihrer potenziellen Verkäuflichkeit auszurichten.

Familie und Identität

Ishiguro, der seine Heimat im Alter von vier Jahren mit seiner Familie verliess und ins englische Guilford übersiedelte, ist in seinem Schreiben von der Intention geleitet, den Hergang und die Veränderung der Welt von ihren historischen Verläufen her zu erklären. Seine grossen Erzählthemen lauten Familie und Identität. Denn früh hat dieser Autor begriffen, dass die eigene Identität mit all ihren Widersprüchen unauflöslich mit der seiner Vorfahren verbunden ist.

So tastete er sich schon 1984 wie selbstverständlich in seinem Roman «Damals in Nagasaki» zurück an den Ort seiner Geburt und zu jenem 9. August 1945, an dem die Boxcar genannte Atombombe abgeworfen wurde. Ishiguros Roman blickte furchtlos in die Asche, welche die Amerikaner zurückgelassen hatten, und beschwor die traurigen Legenden der sechsunddreissigtausend Toten.

Doch Ishiguro lesen heisst auch, in den Kosmos eines vollendeten Stilisten einzutreten. Oft erscheinen seine Sätze wie losgelöst von aller syntaktischen Schwere, sodass sie eine geradezu magische Klarheit, ja, Durchsichtigkeit entfalten. Und es ist dann, als blicke man durch ein Fenster in eine neue, faszinierende Welt.

Die Reise des Butlers

Exemplarisch sei dafür sein mit dem Booker-Preis ausgezeichneter Erfolgsroman «Was vom Tage übrig blieb» genannt. Darin schickte Ishiguro den Butler Stevens auf eine Reise quer durch das englische Königreich nach Cornwall. Stevens will dort – man schreibt das Jahr 1956 – seine ehemalige Kollegin Miss Kenton besuchen, um sie zu bitten, nach Darlington Hill zurückzukehren. Also dorthin, wo zwischen 1920 und 1938 Vertreter der internationalen Politik ein- und ausgingen und seither dessen Besitzer der Ruf eines Nazifreundes anhaftet.

Ishiguros in makellosem Englisch verfasster Roman (manche behaupten, er schreibe das vollkommenste Englisch überhaupt) liest sich dabei als Gang durch die Geschichte. «Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Geschichte verstehen lernen», sagte der Autor einmal. Nun hat das schwedische Nobelpreiskomitee den Sohn eines Ozeanografen für sein nicht nachlassendes Bestreben, das Gestern mit dem Heute auszusöhnen, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Eine vorzügliche Wahl.

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