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Literatur ist keine Männersache

Frauenzählen ist der neue Gesellschaftssport. Auch bei Verlagen sind Frauen untervertreten, sagen Statistiken. Doch was haben die mit Literatur zu tun?

Martin Ebel
Von der Literaturkritikerin zur Verlegerin: Felicitas von Lovenberg, ehemals im FAZ-Feuilleton, ist seit vier Jahren verlegerische Geschäftsführerin bei Piper. Foto: Slavica/Piper-Verlag
Von der Literaturkritikerin zur Verlegerin: Felicitas von Lovenberg, ehemals im FAZ-Feuilleton, ist seit vier Jahren verlegerische Geschäftsführerin bei Piper. Foto: Slavica/Piper-Verlag

Wie viele Frauen?, fragt man heute allerorten. Wie viel Frauen sind im Bundesrat vertreten? Bei den Oscar-Nominationen? In den Verwaltungsräten grosser Unternehmen? In den Ausstellungskalendern wichtiger Museen? Die Antwort fällt immer gleich aus: zu wenig, viel zu wenig, skandalös zu wenig Frauen. Und oft mit der Konsequenz: Jetzt muss die Quote her, aber subito, um das schiefe Verhältnis geradezurücken.

Es stimmt: Die Zahl der Frauen in den genannten und anderen Gruppen entspricht nicht ihrem Bevölkerungsanteil. Denn sonst wären jeweils 53 Prozent CEOs, Kunstausstellungssujets oder Oscar-Nominierte weiblich. Frauenquoten zielen darauf hin, dass der Frauenanteil sich der Statistik annähert oder angleicht. Sie zielen auf Repräsentation und Proporz. Wird die Auswahl dadurch gerechter, im Ergebnis besser? Und ist die Untervertretung der Frauen in den Gefilden der Macht und des Glanzes eine Folge der Ausgrenzung durch Männer, also des Patriarchats? Gewiss. Aber eine Folge nur dieses einen Faktors? Das ist schwer zu sagen und schon gar nicht zu beweisen, aber leicht zu behaupten.

In der Kultur, wo es weniger um Macht als um Ruhm und Anerkennung geht, wird die Debatte besonders heftig geführt, das Frauenzählen besonders intensiv betrieben. Die Debatte hat sich mit einem zweiten Komplex vermischt: #MeToo, jener Kampagne, wonach Männer Frauen nicht nur kurz- und kleinhalten, sondern in vielen Fällen sexuell ausbeuten und missbrauchen. Tatsächlich ist im Zuge der Kampagne eine Reihe ganz übler Typen überführt worden (andere laufen als blosser Verdachtsfall herum und sind ebenfalls unten durch); viele Institutionen richten mittlerweile Schutzmechanismen ein, überall gibt es Frauenbeauftragte und Vertrauenspersonen. Gut so.

Auch im Literaturbetrieb wird seit einiger Zeit gefragt, ob Frauen angemessen vertreten sind: in den Führungsetagen der Verlage; als Autorinnen in deren Programmen; auf den Rezensionsplätzen in den Medien.

Rezensionsstatistik: 35 Prozent der besprochenen Bücher stammen von Autorinnen

Im Jahr 2018 hat die Universität Rostock in der Studie «Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb» (#frauenzählen) 2036 Buchbesprechungen in 69 deutschen Medienformaten untersucht – in Presse, Radio und Fernsehen. Das Ergebnis: 65 Prozent der besprochenen Bücher stammten von Männern, 35 Prozent von Frauen. Das Verhältnis von Kritikern zu Kritikerinnen: vier zu drei. Kritiker besprachen zu drei Vierteln Bücher von Autoren; bei den Kritikerinnen war das Verhältnis dagegen fast ausgeglichen. Und: Die Artikel der Männer waren im Durchschnitt länger.

Erst Lektorin, dann Verlegerin: Im vergangenen Jahr löste Kerstin Gleba Helge Malchow an der Spitze von Kiepenheuer & Witsch ab. Foto: Melanie Grande
Erst Lektorin, dann Verlegerin: Im vergangenen Jahr löste Kerstin Gleba Helge Malchow an der Spitze von Kiepenheuer & Witsch ab. Foto: Melanie Grande

Zu wenig rezensierte Autorinnen: Liegt das vielleicht am Angebot, also daran, dass die Verlage halt mehr Bücher von Männern herausbringen? So ist es, fanden jetzt die beiden Literaturwissenschaftlerinnen Nicole Seifert und Berit Glanz heraus. Sie liessen über den Hashtag #vorschauenzählen die Twitter-Gemeinde zahlreiche Programme literarischer und Sachbuch-Verlage für das Frühjahr 2020 nach Frauen- und Männeranteil untersuchen und fassten dann die literarisch besonders renommierten Verlage speziell ins Auge (Kriterium: Sie mussten in den letzten drei Jahren auf einer Longlist für den Deutschen Buchpreis oder einer SWR-Bestenliste vertreten sein).

Bücherstatistik: 40 Prozent der Frühjahrstitel stammen von Autorinnen

Im Durchschnitt wiesen diese Verlage einen Autorinnenanteil von 40 % auf. Mit grossen Ausschlägen nach oben und unten: Bei Klett-Cotta stammt in diesem Frühjahr nur ein Titel von acht von einer Frau (12,5 %), bei Hanser – «der auch schon in den Vorjahren unangenehm aufgefallen war», grummeln Seifert und Glanz – sind es vier von achtzehn (22 %), bei Diogenes fünf von zwanzig (25 %), bei S. Fischer vier von fünfzehn (26,7 %). Einen höheren Frauenanteil haben etwa Kiepenheuer mit 33, Suhrkamp mit 35 und Rowohlt mit 46 %, bei Luchterhand und Piper, auch bei Dörlemann (Zürich) ist das Verhältnis der Geschlechter ausgeglichen.

Obenaus schwingen in der Statistik des Twitterschwarms unter anderem zwei weitere Schweizer Verlage: Kampa mit zwei Drittel Frauen (in absoluten Zahlen klingt das weniger spektakulär: zwei von drei) und Kein & Aber mit dem gleichen Anteil, aber immerhin absolut 14 Frauen. Eine 100-Prozent-Frauenquote weist ein Herzschmerz-Verlag wie Diana auf, was Seifert und Glanz zu der kühnen Schlussfolgerung bringt: «Je höher das literarische Prestige eines Verlages, desto mehr scheint er auf Männer im Programm zu setzen.»

«Setzen» renommierte Literaturverlage wirklich auf Männer? Setzen sie nicht eher auf die besten (und verkaufsträchtigsten) Manuskripte? Sind junge Frauen nicht manchmal besser zu vermarkten (Stichwort: Autorinnenfoto)? Und hängt ein Programm nicht davon ab, was die in- und ausländischen Agenturen anbieten oder was unverlangt eingesandt auf den Tisch der Lektorate flattert, zu deren Schrecken? Diese Statistik hat noch niemand erstellt (hier wartet auf #frauenzählen eine dankbare Aufgabe).

Verlagsstatistik: Auf jedem dritten Chefsessel sitzt eine Frau

Sind es etwa die alten weissen Männer in den Chefetagen der Verlage, die den Autorinnenanteil niedrig halten? Nun, das war vielleicht einmal der Fall, in den Zeiten von Verlagspatriarchen wie Rowohlt, Unseld, Krüger. Aber Frauenpower bestimmt längst auch in der Buchbranche mehr und mehr den Kurs. Der «Buchreport» hat kürzlich ermittelt, dass ein Drittel der Führungspositionen in den Verlagen von Frauen eingenommen wird; auf der Geschäftsführerebene sind es 20 %, auf der Leitungsebene direkt darunter 46 %.

Seit Juni 2019 ist Siv Bublitz Chefin des Verlages S. Fischer. Foto: Kai Bublitz
Seit Juni 2019 ist Siv Bublitz Chefin des Verlages S. Fischer. Foto: Kai Bublitz

Tatsächlich fallen einem zahlreiche weibliche Chefs wichtiger Verlage ein, die in den letzten Jahren ins Amt kamen: Felicitas von Lovenberg (Piper), Doris Janhsen (Droemer Knaur), Kerstin Gleba (Kiepenheuer & Witsch), Barbara Laugwitz (Ullstein, zuvor Rowohlt), Siv Bublitz (S. Fischer), Claudia Baumhöver (DTV). Die Nachfolgerin von Florian Illies bei Rowohlt wird auch eine Frau: Nicola Bartels. Und wenn man zurückschaut: Ulla Berkéwicz hat den Suhrkamp-Verlag durch seine grösste Krise gesteuert, Monika Schoeller bei Holtzbrinck ihre Hände über die Konzernverlage gehalten (und auch Ammann immer wieder aus der Patsche geholfen).

Diese Namen sprechen gegen «tief sitzende sexistische Vorurteile», wie sie Seifert und Glanz behaupten; die Zahlen tun es auch. Ein Drittel weibliche Führungskräfte: Welche Branche kann damit aufwarten? Vierzig Prozent Autorinnen – ist das wirklich ein skandalöses Missverhältnis? Gewiss, das Lesepublikum ist zu einem noch weit höheren Anteil weiblich. Aber was noch mehr Frauen daran hindert, Romane zu schreiben und sie Verlagen anzubieten, damit die Quote absoluter Gerechtigkeit endlich erreicht ist: Das hat alle möglichen Gründe, sie sind weniger sexistischer als gesellschaftlicher, familiärer, individueller Natur.

Wer zählt, muss nicht denken

Die ganze Frauenzählerei zeugt, wie auch anderswo die Fixierung auf Zahlen statt auf Inhalte, von wenig Kulturverständnis. Wer zählt, muss nicht denken. Wer liest, schaut meist weniger auf das Geschlecht, ob sex oder gender, sondern auf die tolle Story und die Perspektive, aus der sie erzählt wird. Und da kann eine Frau als Mann erzählen, ein Alter als Jüngling, ein Mensch als Hund oder Alien. Literatur eben.

Auch dieser Artikel ist von einem Mann geschrieben, aber nicht notgedrungen aus männlicher Perspektive. Sehr viele meiner grossen Leseerlebnisse in den letzten Jahren habe ich von Autorinnen geschenkt bekommen, von Annie Ernaux, Marie NDiaye und Leila Slimani, von Olga Tokarczuk, Elena Ferrante und Francesca Melandri. Und mir ist nicht bange, dass auch in den nächsten Jahren grossartige Lektüren von weiblicher Hand auf mich warten. Dafür werden die deutschsprachigen Verlage schon sorgen. Ob es fünfzig Prozent sind? Völlig schnuppe.

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Schweizer Verlage: «Das Geschlecht spielt keine Rolle»

«Als neugierige Leserin ist es mir grundsätzlich zunächst egal, ob ein guter Text von einer Frau oder einem Mann geschrieben wurde», sagt Sabine Dörlemann. Ähnlich äussern sich die Kollegen von Diogenes, Kampa und Kein & Aber, die wir zum Thema #frauenzählen befragten. Keiner sucht gezielt nach Autorinnen, Daniel Kampa liest Manuskripte sogar bewusst ohne Hinweise darauf, von wem sie stammen. Peter Haag (Kein & Aber) achtet bei der Programmbildung auf einen guten Mix, Kriterien wie bekannt oder Newcomer «können da eine Rolle spielen, nie aber das Geschlecht».

Natürlich wollen alle befragten Verlage auch Autorinnen im Programm haben und sind stolz darauf, dass es so ist. Ruth Geiger verweist für Diogenes auf erfolgreiche neue Namen wie Daniela Krien, Simone Lappert und Katrine Engberg, aber auch auf Patricia Highsmith und Donna Leon, an denen Diogenes die Weltrechte hält. Daniel Kampa hat mehr Autorinnen als Autoren im Programm, «was wir natürlich schön finden».

Überwiegend weiblich ist bei allen vier Häusern das Team: Diogenes hat 80 % Mitarbeiterinnen, Kampa 85 %. Bei Kein & Aber ist das Verhältnis von Frauen zu Männern im Verlag 9:4, bei Dörlemann 4:2. (ebl)

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