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«Gegen Antisemitismus hat kein Besuch in Auschwitz geholfen»

Morgen erscheint Charles Lewinskys neuer Roman «Der Stotterer». Der Erfolgsautor über die Nähe von Schreiben und Lügen, Judenhass und Schweizer Aussenpolitik.

«Dann können wir der EU eventuell erlauben, der Schweiz beizutreten»: Charles Lewinsky. Foto: Sabina Bobst
«Dann können wir der EU eventuell erlauben, der Schweiz beizutreten»: Charles Lewinsky. Foto: Sabina Bobst

Herr Lewinsky, mit Anfang 70 zieht man nicht mehr so gern um. Sie haben das Verlagshaus gewechselt. Was ist bei Diogenes besser?

Nagel & Kimche war wie eine kleine Familie, da konnte man sich zum Kaffeetrinken mit allen an einen Tisch setzen. Bei Diogenes haben sie für jeden Bereich eigene Spezialisten. Was ich jetzt schon merke, wenn ich meinen Terminkalender anschaue: Die jagen mich ganz schön durch die Lande.

Ihr neuer Roman heisst «Der Stotterer». Sie sind ja nicht auf den Mund gefallen, es ist ganz offensichtlich kein autobiografischer Stoff. Wo kommt diese Figur her?

Die Widmung vorn im Buch gilt meinem alten Freund Thomas, «der ein ganz anderes Buch wollte». Nämlich einen historischen Roman über das Schmuggeln von Seidenraupen nach Europa. Da gab es eine Figur, der man wegen Lügens die Zunge herausgeschnitten hatte – ich merkte, ich mag das nicht, das ist nicht mein Buch. Aber die Figur, die nicht sprechen kann, hat sich dann verwandelt in einen Stotterer. Der sich deshalb aufs Schreiben verlegt. Und lügt.

Der Held sitzt im Gefängnis, und er verwandelt sich aus einem Trickbetrüger in einen Schriftsteller. Ein fliessender Übergang?

Fiktionales Schreiben ist ja die gesellschaftlich akzeptierte Form von Lügen. Von uns Autoren wird erwartet, dass wir uns interessante Lügen ausdenken. Wie sagte Brecht in Hollywood? «Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen, gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden. Hoffnungsvoll reihe ich mich ein zwischen die Verkäufer.»

Die Lüge hat einen Zweck. Hat die Literatur keinen, ist sie deshalb «rein»?

Mein Held erfindet seine Geschichten, um Menschen auszubeuten. Der Schriftsteller beutet seinen Leser nicht aus, sondern schliesst einen Pakt mit ihm: Ich verspreche, dich nicht zu langweilen, und du glaubst mir dafür, was ich erzähle.

Man könnte es das Buch der Stunde nennen. Wir haben einen US-Präsidenten, der notorisch lügt. Wir haben eine Brexit-Entscheidung, die auf gezielten Unwahrheiten beruht. Hat die Wahrheit keine Chance mehr?

Niemand erwartet von einem Politiker, dass er immer die Wahrheit sagt. Aber jetzt haben wir einen, auch noch den mächtigsten Mann der Welt, der nie die Wahrheit sagt! Das ist tatsächlich was Neues. Es war immer leicht, eine Lüge in die Welt zu setzen. Jetzt verbreitet sie sich durch die neuen technischen Mittel noch schneller. Und auch wenn sie als Lüge entlarvt ist: Etwas bleibt immer hängen.

Diesseits der Lüge gibt es das gezielte Aufladen mit Emotionen, positiven wie negativen. «Framing» ist das geläufige Modewort dafür. Der Antisemitismus hat sich dieser Methode schon immer bedient: Juden wurden mit Reichtum assoziiert, oder mit Schmutz, oder mit Gefahr.

Es gibt auch das unbewusste Framing der Gutgesinnten. Ich habe mal einer ZDF-Sendung einen bösen Brief geschrieben, weil die jemanden als «Sohn jüdischer Eltern» bezeichnet haben. Sie wollten das Wort «Jude» vermeiden, weil es ihnen anrüchig vorkam.

Fängt da schon der Antisemitismus an?

Den einen Antisemitismus gibt es nicht. Es gibt diverse Antisemitismen: Da ist der gute alte Rösti-Antisemitismus des Stammtischs: Juden sind reich! Juden sind ja schon klug, aber… Der hat nie aufgehört. Dann gibt es den politischen Antisemitismus, der an Juden andere Massstäbe anlegt als an andere Menschen. Der sagt, ich hab nix gegen Juden, nur gegen Zionisten, und alle Juden sind Zionisten. Dann gibt es den neu bei uns importierten islamischen Antisemitismus. Und diese Formen vermischen sich.

Argumentieren hilft nicht.

Argumentieren hat noch nie geholfen gegen Antisemitismus. In keinem Land der Welt ist seit einer Generation Antisemitismus gesellschaftlich so verpönt wie in Deutschland. Und was hat es genützt? Nichts.

Wirklich?

Warum steht vor jeder jüdischen Synagoge, vor jedem Gemeindehaus Polizei, um sie zu bewachen? Weil der Antisemitismus ausgerottet ist? Der ist immer noch da. Dagegen hat keine Erziehungsmassnahme und kein Besuch in Auschwitz geholfen.

In Frankreich nimmt der Antisemitismus bedrohliche Ausmasse an. Sie leben viel in einem französischen Dorf. Was spüren Sie dort?

In Frankreich war der Antisemitismus schon immer stark. Aber in meinem kleinen Dorf spüre ich nichts davon – es gibt ja keine Juden.

Sie sind doch einer.

Ich bin da der Ausländer, der Bücher schreibt, ein Exot; ich bin der Mann vom Mars. Aber ich habe anständige Tomaten im Garten, das gleicht es wieder aus.

Und in der Schweiz?

Wir sind in der Schweiz relativ weit unten auf der Skala des Antisemitismus. Aber ich kann nicht ins Gemeindehaus an der Lavaterstrasse gehen, ohne eine doppelte Sicherheitsschleuse zu passieren. Man gewöhnt sich daran, aber es ist eine Schande für das Land. Stellen Sie sich vor, Sie könnten keine katholische Kirche besuchen, ohne dass Polizei diese bewacht. Dazu kommt noch, dass der Staat erst jetzt anfängt, zu überlegen, ob jüdische Staatsbürger möglicherweise richtige Staatsbürger sind, für deren Schutz man etwas tun müsste. Bisher war das alles von der Gemeinde selber finanziert. Mit einem eigenen Wachdienst. Eine beträchtliche Summe gibt jedes Gemeindemitglied pro Jahr für Sicherheitsmassnahmen aus. Geld, mit dem man in einer Gemeinde Vernünftigeres machen könnte. Aber es ist nötig. Und das ist die Schweiz!

Zurück nach Frankreich. Hat Sie die Bewegung der Gelbwesten überrascht?

Ich war überrascht, dass die Gelbwesten-Bewegung im November losging – ich hatte damit schon im September gerechnet.

Warum im September?

Da sind die Sommerferien zu Ende. Ich verstehe die Demon­stranten vollkommen. In den kleinen Orten sind die Leute abgehängt. Dort sind sie ohne Auto aufgeschmissen. Sie können nicht einkaufen gehen, im Dorf gibts nichts. Der Bus fährt einmal am Tag. Wenn man dann den Benzinpreis erhöht und die Höchstgeschwindigkeit herabsetzt: Dann ist es logisch, dass die Leute auf die Strasse gehen.

Einfach ungeschickt von Macron?

Ich finde vieles, was Macron vorhat, absolut sinnvoll. Aber welch idiotischer PR-Berater hat ihm gesagt, als ersten grossen Akt die Vermögenssteuer herunterzusetzen? Wie blöd kann man sein? Wenn er als Erstes die Mindestrente erhöht hätte, hätten die Leute gesagt: Aha, der denkt auch an uns. Macron fehlt das Ohr fürs Volk. Er ist sozial unmusikalisch. Weil er zur abgehobenen Grossstadtklasse gehört.

Der Schweiz geht es ja sehr gut. Und doch zerreisst sie sich über das Rahmenabkommen mit der EU. Beide Seiten arbeiten mit Ängsten – was passiert, wenn es angenommen wird, was, wenn es abgelehnt wird. Verstehen Sie das?

Die frühere Aussenministerin Calmy-Rey hat mir mal internationale Schweizer Politik erklärt. Stufe eins: Nein, nein, nein! Stufe zwei: Wenns denn unbedingt sein soll – also ja. Stufe drei: Aber da haben wir noch eine Fussnote, also doch nein. An diesem Punkt sind wir jetzt. Dieser permanente Versuch des Schwanzes, mit dem Hund zu wedeln, kann auf die Dauer nicht funktionieren.

Dennoch sind Sie ein Gegner eines EU-Beitritts.

Wenn sich die EU mal demokratischer verfasst hat, können wir ihr eventuell erlauben, der Schweiz beizutreten. In unserem Land können wir auf jeder Ebene mitreden. Auch wenn es manchmal lästig ist – schon wieder ne Volksabstimmung: Wir können. Natürlich sind Referenden auch anfällig für Manipulationen, für das grosse Geld. Aber es ist doch gut, wenn das Volk direkt seine Meinung äussern darf. Das macht es schwieriger, das Land zu regieren, aber es stehen auch weniger Gelbwesten auf der Strasse. Ich mag auch das Spiessige der Schweiz.

Ihr letzter Roman, «Der Wille des Volkes», sagte der Schweiz eine düstere Zukunft voraus: scharfer Rechtsruck, hohe Arbeitslosigkeit, Überwachung. Sehen Sie das so?

Das war keine Prophezeiung, das war eine Dystopie. Da schreibt man die Wirklichkeit der Gegenwart ins Extreme weiter. Es war ein lockeres Buch nach einem schweren. Ich muss immer schreiben. Ich bin schreibsüchtig, wie andere rauchen, und falle nach jedem Buch in ein tiefes Loch.

Jetzt auch?

Nö, ich bin schon lange am nächsten.

Sie sind ein Fernseh-Routinier. Viele Jahre war das Ihr Metier. Jetzt schreiben Sie Bücher, vom neueren zum alten Medium – auch zum höherwertigen? Wer schreibt, der bleibt?

Nein! Fernsehen war der Beruf, mit dem ich meine Familie ernährt habe. Mit Büchern geht das nicht. «Fascht e Familie» hat uns gut ernährt. Und auch noch Spass gemacht. Wie das meiste, was ich gemacht habe. Es ging immer um gutes Handwerk.

Und «Der Stotterer» – ist das auch Handwerk?

Natürlich ist das Handwerk.

Keine Kunst?

Ein Autor, der von sich selber behauptet, er habe Kunst gemacht, leidet an Grössenwahn. Das kann der Leser entscheiden, nicht der Autor. Ein Autor, der sein Handwerk nicht beherrscht, kann einpacken. Aber ein Handwerk kann man lernen. Kunst entsteht oder entsteht nicht.

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